Während Deutschland konjunkturell stagniert, wächst Polens Wirtschaft um etwa drei Prozent im Jahr. Was ist das Erfolgsgeheimnis des Nachbarlandes? Ein Ortsbesuch bei zwei Unternehmen.
Grzegorz Ciwoniuk sieht aus, wie man sich einen Start-up-Gründer vorstellt. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli mit dem Schriftzug seines Unternehmens auf der Brust – „WorkAI“. Das Unternehmen aus dem ostpolnischen Białystok hilft anderen Firmen dabei, ihre Büroabläufe mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) zu digitalisieren.
Digitalisierung und „Unternehmer-Gen“
Etwa 40 Mitarbeiter arbeiten inzwischen für Ciwoniuk. Die Digitalisierung in Polen habe ihm bereits bei der Gründung seines Unternehmens vor neun Jahren geholfen, erzählt er. „Schon damals ging das im Grunde komplett online. Heute geht die Unternehmensgründung sogar noch einfacher – innerhalb von fünf Minuten“, so Ciwoniuk. „Man kann mit minimalem Startkapital ein Unternehmen gründen.“ Der Staat unterstützt junge Firmen außerdem mit Steuervorteilen.
Grzegorz Ciwoniuk im Büro seiner Firma WorkAI.
Als weiteren Erfolgsfaktor betrachtet Ciwoniuk die polnische Mentalität. Die Polen, so sagt er, hätten ein „Unternehmer-Gen“ in sich. „Ich glaube, wir haben keine Angst vor Risiken, keine Angst vor Niederlagen. Aus Niederlagen lernen wir“, sagt der Unternehmer.
Tatsächlich hat Polen eine der höchsten Selbstständigen-Quoten in der EU, was im Land allerdings auch kritisch gesehen wird. Denn der Großteil dieser Selbstständigen beschäftigt keine Mitarbeiter, profitiert aber von niedrigeren Steuern und Sozialbeiträgen.
Aufstiegswille als Antrieb
Die Polinnen und Polen lebten jahrzehntelang in einem sozialistischen Wirtschaftssystem, das ihnen von der Sowjetunion aufgedrückt worden war. Unternehmerisches Handeln wurde unterdrückt, eigene Anstrengungen kaum belohnt. Seit der Transformation zur Marktwirtschaft ist das anders.
Christopher Fuß beobachtet, wie der Aufstiegswille der Polinnen und Polen die wirtschaftliche Entwicklung vorantreibt. Er leitet das Warschauer Büro von Germany Trade & Invest, der Außenwirtschaftsagentur des Bundes. „In Deutschland höre ich oft den Satz: Ich will meinen Wohlstand sichern, ich will meinen Wohlstand wahren“, sagt Fuß. „Das haben wir hier in Polen nicht. Hier will man mehr erreichen, hier will man aufsteigen. Diesen Hunger können wir uns in Deutschland abgucken.“
Viertwichtigster Exportmarkt für Deutschland
2025 dürfte die polnische Wirtschaft um etwa drei Prozent gewachsen sein, ähnlich wie auch schon im Vorjahr. Für 2026 gehen die Prognosen sogar von einem noch etwas stärkeren Wachstum aus. Von diesem Boom profitiert auch Deutschland. Polen ist inzwischen der viertwichtigste Exportmarkt für deutsche Unternehmen und hat damit China überholt. Noch wichtiger für die deutsche Wirtschaft sind nur die USA, Frankreich und die Niederlande.
Lange wurde Polen vor allem als verlängerte Werkbank westlicher Unternehmen gesehen, als Standort für kostengünstige Produktion. Das ist weiterhin eine Stärke der polnischen Wirtschaft, zunehmend entwickelt das Land aber auch eigene Innovationskraft.
Der Geschäftsführer von Vigo Photonics, Adam Piotrowski.
Vigo Photonics stellt in der Nähe von Warschau Infrarotsensoren her. Diese werden beispielsweise in Bahngleisen oder in Panzern verbaut – und sogar in Weltraumsonden. Derzeit arbeiten hier etwa 200 Menschen, die Mitarbeiterzahl soll bis 2030 aber mehr als verdoppelt werden, sagt Geschäftsführer Adam Piotrowski. Eine neue Chip-Fabrik ist geplant. „Europa setzt gerade auf technologische Souveränität. Dadurch kehrt Produktion aus Asien nach Europa zurück“, so der Firmenchef. „Polen wird dabei zu einem Zentrum, sowohl für die Produktion als auch für Innovation.“
Hohe Neuverschuldung und alternde Gesellschaft
Nicht alles läuft rund in Polens Wirtschaft. Die Neuverschuldung des Staates ist mit die höchste in der EU, die Alterung der Gesellschaft stellt auch hier die Sozialsysteme vor Probleme. Zur Wahrheit gehört außerdem: Polen hat seinen Wirtschaftsaufschwung unter anderem der EU zu verdanken, von deren Fördergeldern es massiv profitiert.
Trotz des rasanten Wachstums liegt Polens Wirtschaft noch immer weit hinter der deutschen zurück. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist pro Kopf mehr als doppelt so hoch. Auch wenn man die niedrigeren Lebenshaltungskosten berücksichtigt, haben die Deutschen im Schnitt weiterhin einen deutlich höheren Lebensstandard als die Polen.
Große Augen bei deutschen Wirtschaftsvertretern
Aber Polen hole auf und mache dabei vieles richtig, sagt der Wirtschaftsexperte Christopher Fuß. Wenn er deutsche Unternehmensvertreter vor der glitzernden Skyline von Warschau empfängt, blickt er regelmäßig in erstaunte Gesichter. „Die Leute machen dann wirklich die Augen auf, die Kinnlade fällt runter“, beschreibt Fuß die Eindrücke deutscher Delegationen. Die beeindruckende Entwicklung des Nachbarlandes habe man in Deutschland gar nicht so sehr auf dem Schirm.
Auch Unternehmer Adam Piotrowski macht große Augen, wenn er durch sein Heimatland fährt. „Wenn ich die Fabriken sehe, die Infrastruktur, die Straßen, die Rechenzentren, die gerade entstehen“, schwärmt er, „dann glaube ich, wir können stolz darauf sein, wo wir als Polen stehen.“ Für ihn und für viele seiner Landsleute stehe aber fest, dass sie noch lange nicht genug haben. Das sei eben die polnische Mentalität.

