Der seit 1. Januar geltende höhere gesetzliche Mindestlohn kommt zur Unzeit, sagen Wirtschaftsforscher. Und warnen vor Stellenabbau, Preisanstieg und weniger Investitionen.
„Die Erhöhung des Mindestlohns ist nicht zu Ende gedacht“, findet Gastronom Jan Appeltrath. Er betreibt ein Restaurant und zwei Cafés in Mainz und beschäftigt 15 Festangestellte und 60 Minijobber. „Wir haben einen Mangel an Fachkräften, nicht an Aushilfen. Wenn ich jetzt der Aushilfe 13,90 Euro in der Stunde zahlen soll, müssen auch alle anderen entsprechend mehr verdienen – das kann ich mir nicht leisten.“
Auch der geringer werdende Lohnabstand sei ein Problem. Es könne etwa dazu führen, dass ein festangestellter Koch, der 40 Stunden die Woche arbeitet, netto weniger verdient, als eine ungelernte Aushilfe, erklärt Appeltrath: „Das kann nicht sein.“
Er geht davon aus, dass die Personalkosten insgesamt steigen und er zwangsläufig die Preise anheben muss: Essen gehen werde dann eben teurer. Grundsätzlich befürworte er einen höheren Mindestlohn, beispielsweise in der Pflege. Aber in der Gastronomie, die sehr personalintensiv sei, sei die jetzige Erhöhung ein Problem.
Heimische Bauern fürchten um Wettbewerbsfähigkeit
Auch dort, wo Lebensmittel produziert werden, steigen die Lohnkosten. Denn auch für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft gilt ab Januar ein höherer Mindestlohn. Gerade im Gemüseanbau wird viel Personal gebraucht, besonders bei der Ernte.
Gemüsebauer Martin Steig aus der Vorderpfalz baut auf 50 Hektar Land unter anderem Blumenkohl, Salat und Fenchel an. Er beschäftigt zehn ausländische Saisonkräfte, die meist nur für ein paar Monate da sind. Den Mindestlohn muss er ihnen trotzdem zahlen, für seinen Familienbetrieb bedeute die Erhöhung Mehrkosten von rund 20.000 Euro im Jahr, sagt Steig.
Die höheren Kosten müssten letztlich an die Verbraucher weitergegeben werden, und das bei ohnehin steigenden Lebensmittelpreisen. Die Umsatzmargen seien schon jetzt gering und die wirtschaftliche Lage vieler Landwirte schwierig: „Ein Betrieb nach dem anderen hört auf.“
Neben Bürokratie und hohen Produktionskosten belaste der höhere Mindestlohn heimische Erzeuger zusätzlich und verschärfe die Wettbewerbsnachteile gegenüber ausländischen Erzeugern, sagt ein Sprecher des Pfalzmarkts Mutterstadt. Die Erzeugergemeinschaft besteht aus 90 Betrieben und produziert mehr als 200.000 Tonnen Obst und Gemüse im Jahr.
Es sei ein Widerspruch, dass die Politik einerseits kurze Lieferwege und frische Lebensmittel fordere, gleichzeitig aber den heimischen Anbau teurer mache, so der Pfalzmarkt-Sprecher. Eine Folge sei, dass Bundzwiebeln für den europäischen Markt inzwischen seltener hierzulande angebaut würden, sondern verstärkt in Ländern wie dem Senegal.
Vier Millionen Beschäftigte profitieren von Erhöhung
Ein Beschäftigter, der nach Mindestlohn bezahlt wird, erhält ab sofort 13,90 Euro brutto die Stunde, also 1,10 Euro mehr als zuvor, ein Anstieg von acht Prozent. Seit 1. Januar 2025 lag der Mindestlohn bei 12,82 Euro. Kommendes Jahr wird er dann sogar auf 14,60 Euro angehoben.
Auch für Minijobber gilt jetzt der gesetzliche Mindestlohn. Rund vier Millionen Stellen in Deutschland, also zehn Prozent aller Beschäftigten, sind von der Erhöhung betroffen, sagt Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Stefan Sell von der Hochschule Koblenz.
Besonders personalintensive Branchen im Niedriglohnsektor wie Gastronomie, Einzelhandel, Landwirtschaft sowie Logistik- und Lagerwesen stelle das vor Probleme. Denn die wirtschaftliche Lage habe sich allgemein verschlechtert und viele Unternehmen nach Jahren der Stagnation und Rezession geschwächt.
Zudem bestehe ein Lohndruck nach oben. Fachkräfte wie Köche, Bäcker oder Konditoren verlangten automatisch höhere Löhne, um den Abstand zum Mindestlohn zu wahren. Viele Unternehmen könnten diese Forderungen jedoch nur begrenzt erfüllen.
Die Folge könnte ein massiver Stellenabbau sein, prognostiziert das ifo-Institut. Laut einer aktuellen Konjunkturumfrage plane mehr als jedes fünfte betroffene Unternehmen, Stellen zu streichen. Viele rechneten durch die Lohnanpassung mit sinkenden Gewinnen und gaben an, Investitionen zu streichen. Der Mindestlohn steige wesentlich stärker als die allgemeinen Tariflöhne und schade den Unternehmen in „einer Phase der wirtschaftlichen Schwäche“, so das ifo-Institut.
DGB: Panikmache hilft nicht
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisiert diese „allzu düsteren Prognosen“. Bereits als der Mindestlohn 2015 eingeführt wurde, sei der Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen prophezeit worden. Dies sei nicht eingetreten, im Mindestlohnbereich seien sogar neue Stellen entstanden. Arbeitsplatzabbau als erste Reaktion sei keine Lösung, betroffene Unternehmen sollten vielmehr ihr Geschäftsmodell kritisch überprüfen, mahnt der DGB.
Auch die Bundesregierung erwartet offenbar keine negativen Auswirkungen wie einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Den Unternehmen sei es auch bisher größtenteils gelungen, sich an die steigenden Lohnkosten anzupassen.
Ob betroffene Unternehmen tatsächlich in größerem Umfang Arbeitsplätze abbauen werden, lasse sich schwer vorhersagen, sagt Wirtschaftsforscher Sell. Er geht aber davon aus, dass die Preise in vielen Bereichen steigen werden. Das sei eine ökonomische Notwendigkeit für viele Betriebe. Ob das direkt mit dem Mindestlohn zusammenhänge, müsse sich zeigen.
Ein viel größeres Problem sei die derzeitige Deindustrialisierung Deutschlands. In den vergangenen zwei Jahren seien allein in der Industrie 230.000 Jobs abgebaut worden. Das schwäche die allgemeine Kaufkraft und belaste auch andere Branchen, in denen niedrigere Löhne gezahlt werden, wie Gastronomie, Einzelhandel und Handwerk.
Viele Branchen voneinander abhängig
Für Metzgermeister Walter Adam aus dem pfälzischen Herxheim bei Landau steht fest, dass er seinen Kunden keine höheren Preise zumuten kann. Er spüre schon jetzt, dass die Leute weniger im Geldbeutel haben, es werde weniger hochpreisiges Fleisch gekauft.
Seine Familie betreibt eine Landmetzgerei mit eigener Schlachtung. Wenn der Mindestlohn steige, müsse er auch seinen Festangestellten mehr zahlen. Wie er die Lohnanpassung kompensieren soll, weiß er nicht und rechnet für 2026 mit weniger Gewinn. Und bleibt optimistisch: „Durch die Krisen der vergangenen Jahre – Corona und hohe Energiepreise – sind wir einigermaßen gut durchgekommen“. Viele andere regionale Metzgereien hätten bereits vor Jahren aufgegeben.
Auch Gastronom Jan Appeltrath hofft, dass sich die gesamtwirtschaftliche Lage bald bessert. Ansonsten verschwinde der Einzelhandel immer mehr aus den Innenstädten, und mit ihm auch die Gastronomie. Dennoch bleibt er zuversichtlich und hat große Pläne: Dieses Jahr will er ein weiteres Lokal in Mainz eröffnen.

