Viele Städte und Gemeinden in Deutschland sind von der Automobilindustrie abhängig. Doch weil diese in der Krise steckt, brechen ihnen Steuereinnahmen weg. Das bekommen dann alle Einwohner zu spüren.
Die Krise in der Automobilindustrie: Behzat Koras trifft sie besonders hart. Er arbeitet für einen kleinen Automobilzulieferer, fertigt als Schmied Teile unter anderem für Lkw und Sportwagen. Von seinem Arbeitgeber hört er immer wieder, wie schlecht derzeit die Auftragslage ist. Von Ende 2024 bis Anfang dieses Jahres war Koras deswegen in Kurzarbeit: „Da fehlten mir am Ende des Monats plötzlich 800 Euro, mit denen ich fest gerechnet hatte.“
Noch dazu merkt Koras als Einwohner der Stadt Schwäbisch Gmünd, wie die Stadt immer mehr Zuschüsse kürzen muss: Das Leben für Bürgerinnen und Bürger wie ihn wird teurer.
Höhere Gebühren, weniger Einkommen
Da sind zum Beispiel die Kitagebühren, die in den vergangenen Jahren immer weiter angestiegen sind. Koras bezahlt 635 Euro pro Monat für die Betreuung seines zweijährigen Sohnes in einer städtischen Kindertagesstätte, sieben Stunden am Tag. Der Höchstsatz, bei zehneinhalb Stunden Betreuung, beträgt sogar mehr als 900 Euro: „Wer soll das stemmen?“
Eigentlich hätten Koras und seine Frau, die als Jugend- und Heimerzieherin arbeitet, gerne noch ein zweites Kind: „Aber momentan, mit der finanziellen Lage, ist das einfach unmöglich.“ Als er in Kurzarbeit war, seien sie nur dank seiner Schwiegermutter über die Runden gekommen: Sie vermietet die Wohnung, in der Koras mit seiner Frau und seinem Sohn wohnt, „und hat dann eben einen Monat auf die Miete verzichtet“.
Schwäbisch Gmünd hochverschuldet
Die Stadt Schwäbisch Gmünd sagt, sie würde gerne höhere Zuschüsse für die Kindertagesstätte bezahlen, um ihre Einwohnerinnen und Einwohner etwas zu entlasten. Doch ihr fehlt selbst das Geld: Schon lange schiebt Schwäbisch Gmünd einen Schuldenberg vor sich her. Durch harte Sparmaßnahmen gelang es in den vergangenen zehn Jahren, die Schulden von mehr als 100 auf rund 60 Millionen abzusenken. Doch jetzt sind die Schulden wieder explodiert: 2026 rechnet die Stadt mit mehr als 100 Millionen Schulden.
Das hat auch mit der Autoindustrie zu tun: „Die bringt nur noch rund fünf Prozent der Gewerbesteuereinnahmen aktuell“, sagt Stadtkämmerer René Bantel. Früher habe der Anteil bei „einem Drittel bis 50 Prozent“ gelegen.
Stadt will weniger abhängig sein von der Autoindustrie
Das liege auch daran, dass Schwäbisch Gmünd inzwischen breiter aufgestellt sei: Man setze mittlerweile verstärkt auch auf andere Branchen. „Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, dass wir nicht mehr so abhängig sind von der Automobilindustrie“, sagt Bantel: „Denn wo da die Reise hingeht, das wissen wir alle heute noch nicht so richtig.“
Das ist auch für andere Städte und Gemeinden ein Problem. Laut einer vom Bundeswirtschaftsministerium beauftragten Studie des IW Köln sind von den 400 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland 116 besonders stark von der Automobilwirtschaft geprägt. Demnach arbeiten knapp 73 Prozent der „produktionsnahen Beschäftigten“ in Deutschland in dieser Branche, das sind fast 860.000 Menschen.
Besonders hoch ist der prozentuale Anteil der in der Automobilindustrie Beschäftigten im Saarland, in Baden-Württemberg, in Bayern und in Niedersachsen.
Rastatt: Gewerbesteuereinnahmen eingebrochen
Rastatt in Baden-Württemberg ist einer der Orte, in denen die Abhängigkeit besonders stark ist: Den Angaben der Stadt zufolge hängt dort jeder dritte Job an der Automobilwirtschaft. Mercedes-Benz hat in Rastatt ein Werk, die Autoindustrie war jahrzehntelang Garant für sprudelnde Steuereinnahmen, bei den Gewerbesteuern ging ein Großteil auf ihr Konto: etwa 85 Prozent. In den vergangenen Jahren konnte die Stadt mit rund 90 Millionen Euro jährlich planen: „Für dieses Jahr sind es noch etwa 20 Millionen Gewerbesteuern, das ist ein dramatischer Rückgang“, sagt Rastatts Oberbürgermeisterin Monika Müller (SPD).
Im Rathaus hat man deshalb schon eine Liste mit möglichen Einsparungsmaßnahmen erarbeitet: Das Museum für moderne Kunst könnte geschlossen werden, größere Bauprojekte werden wohl erst einmal nicht umgesetzt. Die Krise in der Autobranche verunsichere auch die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt: „Wir spüren eine Zurückhaltung, wenn es um Anschaffungen geht oder den Erwerb von Immobilien.“
Müller befürchtet, dass sich in der Bundespolitik nun Autogipfel an Autogipfel reiht und sich am Ende doch nichts ändert. „Wir brauchen Klarheit, was in Zukunft noch gefördert wird“, fordert die Oberbürgermeisterin.
Jeder vierte Job in der Automobilindustrie
In Schwäbisch Gmünd arbeitet den Angaben der Stadt zufolge jeder vierte Einwohner in der Automobilindustrie. Wie groß die Abhängigkeit von der Branche ist, zeigt das Beispiel Bosch. Der Technologiekonzern hat in Schwäbisch Gmünd rund 3.600 Beschäftigte, mehr als die Hälfte der Jobs soll bis 2030 wegfallen, vor allem im Bereich „Automotive“.
Die 1.800 Arbeitsplätze, die dadurch bei Bosch verloren gehen, seien aber eigentlich nur „die halbe Wahrheit“, sagt Alexander Groll. Er leitet in Schwäbisch Gmünd das Amt für Wirtschaftsförderung und Transformation und zählt auf, welche anderen Arbeitsplätze an den Bosch-Jobs hängen: „Was ist mit denen, die in dem Werk als Dienstleister tätig sind, als Handwerker? Auch der Handel, die Gastronomie, die Hotellerie…“
Wenn Bosch wegbreche, ziehe das eine Kettenreaktion nach sich: „Deshalb gehen wir davon aus, dass es nicht bei den 1.800 Bosch-Arbeitsplätzen bleibt, sondern dass am Ende insgesamt bis zu 3.000 Arbeitsplätze wegfallen.“
„Das fällt dann weg“
„Jeder Arbeitsplatz, der verloren geht, bedeutet weniger Einkommenssteuer“, sagt Kämmerer Bantel. Von jedem Euro Einkommenssteuer, die ein Einwohner oder eine Einwohnerin bezahle, flössen 15 Cent an die Kommune: „Das fällt dann weg.“
Also noch weniger Geld in der Stadtkasse, womöglich noch mehr Schulden, weniger Leistungen der Stadt für die Bürgerinnen und Bürger. Für Menschen wie Behzat Koras bedeutet das: Noch höhere Gebühren für die Kindertagesstätte seines Sohnes sind in Zukunft nicht ausgeschlossen – von der Sorge um den eigenen Job in der Automobilindustrie ganz zu schweigen.
