Ab dem 1. Januar gibt es die Aktivrente. Das Weiterarbeiten jenseits der gesetzlichen Regelaltersgrenze soll damit attraktiver werden. In manchen Betrieben ist das längst Realität. Doch es gibt auch Kritik.
Uwe Robertz ist 68 Jahre alt und seit fast fünf Jahrzehnten Polier bei der Krefelder Baufirma Rostek und Pesch. Das Unternehmen baut Krankenhäuser, Sportstätten und Industrieanlagen – komplexe Projekte, bei denen Erfahrung gefragt ist. Seit zwei Jahren ist Robertz im Betrieb das Bindeglied zwischen Polier und Bauleiter, obwohl er längst die Regelaltersgrenze erreicht hat. „Ich arbeite noch gerne, weil es mir Spaß macht, auch weiterhin in einem sozialen Umfeld meine Leistung zu erbringen“, sagt Robertz. „Das steigert das Selbstwertgefühl, da man noch was schaffen kann und nicht nur zum alten Eisen gehört.“
Nur auf der Couch zu sitzen, dafür fühle er sich noch zu fit. Zudem gebe er sein Wissen gern an jüngere Kolleginnen und Kollegen weiter – und profitiere umgekehrt von deren digitalen Kompetenzen, etwa bei der Arbeit am Computer. Auch finanziell sieht Robertz Vorteile: „Ich freue mich, dass der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen für uns Rentner angepasst hat. Dadurch wird der Anreiz weiterzuarbeiten, deutlich verstärkt.“
Bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei
Mit der Aktivrente können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die über die Regelaltersgrenze hinaus sozialversicherungspflichtig beschäftigt bleiben, ihren Arbeitslohn bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei beziehen – maximal 24.000 Euro im Jahr. Das Einkommen unterliegt nicht dem Progressionsvorbehalt, erhöht also nicht den Steuersatz für weitere Einkünfte. Ausgenommen sind Gewerbetreibende, Beamte, Freiberufler sowie Selbstständige in der Land- und Forstwirtschaft.
Für Unternehmen wie Rostek und Pesch ist die Neuregelung ein Gewinn. Der kaufmännische Leiter Rolf Becker begrüßt die Entscheidung: „Als Unternehmen bekommen wir damit eine gute Möglichkeit, unsere erfahrenen Mitarbeiter auch über das Renteneintrittsalter hinaus zu beschäftigen.“
Die Vorteile lägen vor allem in der Fachkräftesicherung und im Wissenserhalt. So lasse sich der demografische Wandel zumindest zeitlich abfedern. „Die damit gewonnene Zeit muss genutzt werden, um das Wissen und die Arbeitsmoral der Baby-Boomer-Generation auf die Nachwuchskräfte zu übertragen“, wünscht sich Becker. Zudem spare das Unternehmen Kosten für Rekrutierung und Einarbeitung.
Aktivrente kostet Staat viel Geld
Der Fachkräftemangel im Handwerk hat laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Dennoch sieht IW-Experte Jochen Pimpertz die Aktivrente kritisch. Sie ändere nichts am Grundproblem: „Zu wenige Erwerbstätige müssen zu viele Rentner finanzieren.“ Eine nachhaltige Entlastung gelinge nur, wenn Menschen tatsächlich länger im Beruf blieben und Fehlanreize zur Frühverrentung abgebaut würden.
Ein weiteres Problem seien die hohen Kosten. Nach Berechnungen des Finanzministeriums entgehen dem Staat rund 900 Millionen Euro an Steuereinnahmen, das IW schätzt die Mindereinnahmen sogar auf bis zu 1,4 Milliarden Euro. „Das Ziel der Bundesregierung, deutlich mehr Fachkräfte für den Arbeitsmarkt zu erhalten, wird damit wohl nicht erreicht“, befürchtet Pimpertz.
Eine IW-Umfrage zeige zudem, dass viele Ältere aus Freude an der Arbeit oder wegen sozialer Kontakte weiterarbeiten – nicht wegen finanzieller Anreize. Zudem warnt Experte Pimpertz vor rechtlichen Risiken: Die steuerliche Bevorzugung angestellter Rentner gegenüber Selbstständigen könne gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoßen, ebenso sei eine Altersdiskriminierung jüngerer Beschäftigter denkbar.
Sozialverband sieht Ungerechtigkeiten
Aus anderen Gründen lehnt auch der Sozialverband VdK Deutschland lehnt die Aktivrente ab. Präsidentin Verena Bentele spricht von einer Steuererleichterung statt einer neuen Rentenart: „Sie wird kurzfristig die Einkommenssituation für diejenigen verbessern, die fit sind und über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten können.“ Das führe zu Mitnahmeeffekten und vergrößere die Kluft zu jenen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht länger arbeiten könnten.
Laut VdK gingen 2024 rund 38 Prozent der Neurentnerinnen und Neurentner mit Abschlägen in Rente, viele wegen Krankheit oder Schwerbehinderung. „Diese Menschen werden von den geplanten Maßnahmen nicht erreicht“, sagt Bentele. Der Verband fordert stattdessen ein umfassendes Programm für gute und gesunde Arbeit im Alter sowie für bessere Prävention und Rehabilitation.
Im Betrieb von Rolf Becker spielen solche Debatten im Alltag keine Rolle. Er ist froh über seine aktiven Rentner: „Sie sind wertvolle Wissensträger und hoch motiviert.“ Der „Silverworker“ Uwe Robertz sagt, die Aktivrente allein sei nicht ausschlaggebend. „Der Spaß an der Arbeit und der soziale Kontakt stehen bei mir davor.“ Drei Tage pro Woche arbeitet er noch – solange die Gesundheit mitspielt „und man das Gefühl hat, noch etwas Sinnvolles beitragen zu können“.

