Neue Regeln mit neuer Grundsicherung: Heute debattiert erstmals der Bundestag über die geplante Reform des Bürgergeldes. Drei Menschen, die davon leben müssen, berichten von ihren Erfahrungen und Sorgen.
Hamburg, Anfang 2026. Draußen fallen schwere Schneeflocken, in der kleinen Wohnung brutzeln Raclettepfännchen. Für Rabea ist es ein besonderer Moment: Sie feiert Silvester – mit ein paar Tagen Verspätung. Die 38-Jährige bezieht Bürgergeld, jede Ausgabe ist genau kalkuliert. „Dass der Raclettekäse runtergesetzt ist, macht einen großen Unterschied für mich, weil das das Teuerste an dem ganzen Essen ist“, sagt sie.
Lebensmittel seien der Bereich, in dem sie die Preissteigerungen am stärksten spüre. Für Alleinstehende sind laut Regelbedarf im Bürgergeld monatlich 150,93 Euro für Lebensmittel vorgesehen. Das sind rund fünf Euro am Tag. „Ich würde sagen, das ist das, wo ich es am dollsten gemerkt habe, dass ich mir jetzt nicht mehr so die Lebensmittel kaufen kann, einfach weil sie teurer geworden sind.“
„Wenn ich nicht zur Essensausgabe gehen würde, würde ich sagen absolut katastrophal“, sagt sie. „Es ist kaum möglich, sich gesund zu ernähren, weil es einfach zu wenig ist.“
Rabea ist studierte Germanistin, arbeitete bei einem großen Verlag und später als Elternzeitvertretung bei einem Hörbuchanbieter. Der Vertrag sei ausgelaufen, dazu kam eine Erkrankung. Rabea beantragte Bürgergeld.
„Ich wollte es eigentlich nicht wahrhaben“
Auch Joshua hat nicht damit gerechnet, im Bürgergeld zu landen. Er habe als Projektmanager im Kleidungseinzelhandel gearbeitet. Durch die Konsumkrise sei es dem Unternehmen jedoch nicht mehr so gut gegangen, berichtet der 30-jährige Hamburger, das sei mit Kürzungen einhergegangen. „Da ist dann halt auch meine Stelle drunter gewesen.“
Nach einem Jahr Arbeitslosengeld I hat er noch keinen neuen Job gefunden. Seitdem bezieht er Bürgergeld. Er studierte Sozialökonomie, hat ein Auslandssemester gemacht und seinen Abschluss erworben. Statistisch schützen Uniabschlüsse vor Arbeitslosigkeit – trotzdem steht Joshua nun ohne Job da. „Ich wollte es eigentlich nicht wahrhaben, dass ich im Bürgergeld lande“, erzählt er. „Ich habe es hinausgezögert, das zu beantragen. Aber irgendwann bist du halt an einem Punkt, wo du bemerkst: Die nächste Miete kommt, die muss irgendwie bezahlt werden, aber du hast kein Geld.“
Für Alleinstehende beträgt der Regelsatz 563 Euro im Monat. „Man kann davon leben“, sagt Joshua, „alleine geht es noch. Aber es wird knapp.“ Zum Ende des Monats esse er manchmal bei Freunden mit.
Zahl der Totalverweigerer ist gering
Wer sind die Menschen im Bürgergeld? Immer wieder ist die Rede von sogenannten Totalverweigerern. Doch laut einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit ist ihre Zahl gering. Einigen Berechnungen zufolge sind es weniger als ein Prozent. Derzeit beziehen rund 5,3 Millionen Menschen Bürgergeld. Mehr als ein Viertel von ihnen ist nicht erwerbsfähig, 97 Prozent davon sind Kinder.
73 Prozent gelten als erwerbsfähig, könnten also theoretisch arbeiten. Doch mehr als die Hälfte von ihnen ist nicht beschäftigungslos: Sie beziehen Bürgergeld, weil sie etwa alleinerziehend sind, Angehörige pflegen oder trotz Arbeit zu wenig verdienen. Viele Menschen ohne Arbeit gelten als schwer vermittelbar, etwa wegen fehlender Abschlüsse oder wegen ihres Alters.
Viele Bürgergeldempfänger können nicht arbeiten gehen
Katja ist 54 Jahre alt, lebt in Oldenburg und bezieht seit 2017 Bürgergeld. Sie sei chronisch krank, schwerbehindert und suchtkrank, erzählt sie. Ihre Suchterkrankung begann früh: „Das war im Alter von zehn. ich sollte mal eine Medizin selber nehmen und habe einfach aus Versehen den Löffel ganz voll gemacht, anstatt nur 20 Tropfen abzuzählen. Und das war damals Codein, Hustensaft, und dadurch hatte ich meinen ersten Opiatrausch.“
Heute ist sie seit mehr als elf Jahren clean. Regelmäßig besucht sie eine Tagesstätte des Paritätischen für Suchtkranke. Dort bekommt sie Struktur und Routine, repariert Dinge, etwa ihr Fahrrad. Denn nach weiteren schweren Erkrankungen kann sie nicht mehr im ersten Arbeitsmarkt arbeiten.
„Die Selbstständigkeit ist weg. Das Gefühl, etwas selber zu erwirtschaften, fehlt“, sagt sie. Bürgergeld habe „etwas von Ausgeliefertsein“. Besonders belastend seien die Sorgen vor Sanktionen: „Ängste, dass man einen Termin versäumt, dass die Leistung gekürzt wird, dass man die Miete vielleicht nicht zahlen kann.“
2026 soll die Grundsicherung kommen
Im Dezember 2025 entschied die Bundesregierung: Aus dem Bürgergeld soll die Grundsicherung werden. Priorität soll die schnelle Vermittlung in Arbeit haben. Wer „zumutbare“ Arbeit ablehnt oder Termine versäumt, muss mit härteren Konsequenzen rechnen als bisher – bis hin zur kompletten Streichung der Zahlungen. Sozialverbände kritisieren diese Pläne. Mitte 2026 soll die neue Grundsicherung kommen, die erste Lesung ist in dieser Woche.
Auch Rabea verfolgt die Debatte mit Sorge. „Sanktionen habe ich versucht wegzuschieben“, sagt sie. Aber sie lese von Fällen, in denen Menschen wegen verpasster Termine Leistungen gestrichen wurden, zum Beispiel weil sie im Krankenhaus waren. „Vor sowas habe ich unglaubliche Angst. Was soll ich dann machen?“
Rabea hat eine Weiterbildung im Bereich Grafikdesign gemacht und will mit einem Jobcoaching wieder Fuß im Arbeitsmarkt fassen. „Ich wünsche mir, nicht mehr im Bürgergeld zu sein“, sagt sie. „Im Sinne von: Ich kann jetzt losgehen und mir Paprika kaufen. Das wäre schon meine Utopie.“
Schwere Lage für Berufseinsteiger
Doch die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist angespannt. Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, hält die Chancen, einen Job zu finden, derzeit für so schlecht wie nie. Besonders schwer hätten es Berufseinsteiger.
Joshua spürt diesen Druck: „Weil man sich dann auch teilweise auf Jobs bewirbt, die man eigentlich gar nicht machen möchte“, sagt er. Sein Wunsch bleibt dennoch klar: „Im Optimalfall finde ich wieder einen Job, den ich gerne mache. Ich will Routine, ich will wieder auf etwas hinarbeiten können.“
Mehr zu diesem Thema sehen Sie in der ARD Mediathek: Bürgergeld: Trifft es uns schneller als gedacht?
