Die Otto Group ist dafür bekannt, mit hohem Aufwand ihre Digitalisierungsstrategie voranzutreiben. Jetzt will der Konzern in Zukunft in Kooperation mit Nvidia den Einsatz von KI und Robotik in der Logistik forcieren. Wie der Hamburger Onlinehandelskonzern ankündigte, wolle man so die Lieferketten mithilfe intelligenter Automatisierung grundlegend modernisieren. Der Kern des Projekts ist ein sogenannter „Robotic Coordination Layer“, der in Form eines digitalen Zwillings des jeweiligen Logistikstandorts zum digitalen Nervensystem für alle Roboter in den Logistikzentren werden soll.
Digitale Schaltzentrale für 120 Logistikstandorte
Ziel der Kooperation ist es, die Koordination unterschiedlichster Robotersysteme über alle 120 Logistikstandorte der Otto Group hinweg zu vereinheitlichen. Die neue Lösung basiert auf Nvidia Omniverse, Isaac Sim (einer Simulations- und Trainingsplattform von Nvidia) sowie der KI-Infrastruktur des Unternehmens. Diese leistungsstarke Software ist als einsatzbereite Lösung über den Google-Cloud-Marketplace verfügbar. Damit sollen Roboter nicht nur schneller trainiert, sondern auch effizienter in bestehende Prozesse integriert werden können.
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Unter einem digitalen Zwilling versteht man eine physikbasierte Simulation, in diesem Fall also den virtuellen Eins-zu-eins-Nachbau des gesamten Logistikzentrums. Dabei werden Lagerhallen, Fördertechnik und Roboterflotten virtuell abgebildet und sämtliche Prozesse und Workflows dorthin umgesetzt. Neue Abläufe, Lastspitzen oder Layout-Änderungen lassen sich so zunächst digital testen, bevor sie in der realen Welt umgesetzt werden. Gleichzeitig dient ein digitaler Zwilling in der Industrie aber auch dazu, bestehende Workflows zu optimieren oder bestehende Anlagen modifiziert an einem anderen Standort nachzubauen.
Das Logistikzentrum von Hermes Fulfilment in Löhne (Hermes ist bekanntermaßen der zur Otto Group gehörende Logistiker) dient als erster vollumfänglicher Pilotstandort. Den digitalen Zwilling entwickelt der IT-Dienstleister Reply, während die Otto-Group-Tochter One.O künftig die Weiterentwicklung der Plattform sowie deren Governance übernehmen soll.
Roboter sollen „miteinander sprechen“
Der „Robotic Coordination Layer“ versteht sich als virtuelles Navigations- und Kommunikationssystem für alle eingesetzten Roboter – von autonomen mobilen Transportrobotern bis hin zu stationären Automatisierungslösungen. Ziel ist es, bislang isolierte Systeme zu vernetzen und ihnen eine gemeinsame „Sprache“ zu geben. Über Schnittstellen zu bestehenden Warehouse-Management-Systemen und Flottenmanagement-Tools sollen dabei sämtliche Roboterbewegungen in Echtzeit sichtbar und steuerbar werden.
„Vor mehr als drei Jahren haben wir uns auf den Weg gemacht, KI und Robotik im Bereich Logistik einzusetzen. Unsere bisherigen Erfahrungen haben das enorme Potenzial zur Steigerung von Effizienz und Service gezeigt“, erklärt Kay Schiebur, Mitglied des Vorstands, Services, Otto Group. „Die Partnerschaft mit Nvidia und Reply wird die grundlegende Struktur liefern – eine wirklich innovative Art, wie unsere Roboter kommunizieren – und es uns ermöglichen, robotische Lösungen in unseren komplexen Abläufen schnell zu skalieren.“
Für die Logistikteams bedeutet das: mehr Transparenz, schnellere Reaktionszeiten und eine deutlich vereinfachte Orchestrierung komplexer Abläufe. Vor allem aber lässt sich die Performance unterschiedlicher Strategien in der Logistik nicht nur bewerten, sondern auch optimieren – eine Strategie, die Handelskonzerne wie Amazon seit vielen Jahren einsetzen, um Logistik effizienter und resilienter zu machen.
Roboter und Prozesse werden in der virtuellen Umgebung trainier
Ein zentrales Element der Zusammenarbeit ist der Einsatz von KI-gestützter Simulation. Mit Nvidia Isaac Sim werden Roboter in virtuellen Umgebungen trainiert, bevor sie im realen Lager eingesetzt werden. Dadurch lassen sich neue Systeme deutlich schneller in Betrieb nehmen – bei gleichzeitig geringerem Risiko für den laufenden Betrieb.
Für Otto entsteht so eine skalierbare Blaupause für die Logistik der Zukunft, in der Roboterflotten und intelligente Systeme nahtlos zusammenarbeiten sollen. Es gehe dabei einerseits, erklärt das Unternehmen, um effizientere und bessere Abstimmung zwischen Mensch, Roboter und IT-Systemen, aber auch um flexibleres Peak-Management, wie es etwa in der Vorweihnachtszeit benötigt wird. Nicht zuletzt sollen so neue Technologien schneller eingeführt werden können, ohne jedes Mal die gesamte Infrastruktur anpassen zu müssen. Neue Prozesse lassen sich künftig zuerst virtuell testen, neue Mitarbeitende mithilfe von AR-Lösungen einlernen und nicht zuletzt auch Anlagen ohne größere Anlernphasen in der Anlage selbst in Betrieb nehmen. Das spart Zeit, reduziert Fehlerquellen und minimiert das Risiko von Störungen im operativen Betrieb.
Die erste Entwicklungsphase der Plattform ist mit Investitionen im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich verbunden, wie der Handelskonzern im Rahmen eines Pressegesprächs erklärt. Der Konzern wolle sich als technologischer Vorreiter im europäischen Handel positionieren, heißt es – und gleichzeitig seine Nachhaltigkeitsziele unterstützen, etwa durch effizientere Abläufe und geringeren Ressourceneinsatz.
Das Lager als Betriebssystem
Langfristig denkt Otto bei dem Thema aber noch größer: Der „Robotic Coordination Layer“ soll zur zentralen Steuerungsplattform für das gesamte Lagerökosystem werden – vergleichbar mit einem Betriebssystem für die Logistik. Neben Robotern sollen somit künftig auch klassische Automatisierungstechnik wie Sortieranlagen sowie Sensorik für Palettenerkennung oder Torsteuerung eingebunden werden. Damit folgt der Konzern einem Trend, den auch andere Handels- und Logistikunternehmen verfolgen: weg von punktuellen und einzelnen Automatisierungslösungen, hin zu ganzheitlich vernetzten, KI-gestützten Systemen, die Prozesse nicht nur ausführen, sondern aktiv optimieren.
Mit der Partnerschaft mit Nvidia setzt die Otto Group ein deutliches Zeichen im Wettbewerb mit globalen Tech- und Handelsriesen wie Amazon. Während US-Konzerne seit Jahren massiv in KI-gestützte Logistik investieren, positioniert sich Otto nun als europäischer Vorreiter für intelligente Robotik im Handel. Ob dieser „Robotic Coordination Layer“ zum neuen Standard in der Branche wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist aber, dass das Unternehmen hier etwas an den Start bringt, das in großen Industrieanlagen der Prozess- und Automatisierungstechnik schon erprobt ist.
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