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Die EU erhofft sich, durch das heute unterzeichnete Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur einen neuen Markt erschlossen zu haben. Es geht um Wachstum – und nicht zuletzt darum, China die Stirn zu bieten.
Was ist das Mercosur-Abkommen?
Dabei handelt es sich um ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und der südamerikanischen Wirtschaftsorganisation Mercosur. Sechs Staaten sind Mitglied von Mercosur, von denen vier Teil des Abkommens mit der EU sind: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay.
MERCOSUR
Der Gemeinsame Südamerikanische Markt (Mercado Común del Sur, MERCOSUR) ist ein regionaler Zusammenschluss der südamerikanischen Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay, Venezuela und Bolivien.
Die Mitgliedschaft von Venezuela ist seit 2017 suspendiert. Bolivien ist zunächst nicht Teil des MERCOSUR-Abkommens mit der EU.
Der MERCOSUR wurde 1991 gegründet und hat zum Ziel, durch politische, soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit die regionale Integration zu fördern.
Quelle: Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dpa
An dem Abkommen wurde seit über 25 Jahren gearbeitet, immer wieder geriet es dabei ins Stocken. Bis zuletzt gab es auch viel Kritik, beispielsweise von Bauern und Umweltschützern. Am vergangenen Freitag hat der EU-Rat dem Abkommen zugestimmt. Nach der Unterzeichnung in Paraguay muss noch das EU-Parlament zustimmen.
Mit dem Abkommen werden Handelsbeziehungen zwischen der EU und den teilnehmenden Mercosur-Staaten erleichtert, indem Zölle auf einen Großteil der Exporte abgebaut werden. Besonders davon profitieren dürfte hierzulande die Auto-Industrie, auf deren Exporte bislang Zölle in Höhe von 35 Prozent aufgeschlagen wurden. Auch der Maschinenbau und die Pharma-Industrie gelten als Gewinner der Freihandelszone.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Rund 700 Millionen Menschen. Das macht die Vereinbarung zur größten Freihandelszone der Welt – sie wird ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung umfassen. 270 Millionen leben im Mercosur-Gebiet, sie bilden die sechstgrößte Wirtschaftsregion der Welt.
Welche Folgen hat das für Verbraucher?
Verbraucherinnen und Verbraucher könnten von niedrigeren Preisen profitieren, wenn die weggefallenen Zölle bei importierten Produkten an sie weitergegeben werden – zum Beispiel bei Fleisch, Obst, Soja, Kaffee und Zucker.
Wie groß dieser Effekt sein könnte, ist aber noch nicht abzuschätzen. Das liegt auch daran, dass zum Schutz der europäischen Landwirtschaft die Märkte bei bestimmten Agrarprodukten nicht vollständig geöffnet werden: Die Zollerleichterungen gelten dort nur für eine bestimmte Liefermenge.
Warum gibt es so große Einschränkungen bei Lebensmitteln?
Europäische Bauern sind besorgt, dass mit dem Abkommen billigere Lebensmittel auf den Markt drängen, mit deren Preisen sie nicht konkurrieren können. Daher kam es bis zuletzt immer wieder zu Protesten. Im Dezember fand die EU dann einen Kompromiss.
Bei Lebensmitteln ist das Abkommen daher besonders streng. Begrenzte Einfuhrkontingente gelten beispielsweise bei Rindfleisch, hier sind in Zukunft zusätzliche 99.000 Tonnen pro Jahr zollfrei einführbar, bei Käse sind es 30.000 Tonnen. Diese Quoten gibt es auch bei anderen Produkten, beispielsweise für Geflügel, Schweinefleisch, Zucker und Ethanol.
Weiterhin müssen Importe europäische Lebensmittelstandards erfüllen. Außerdem enthält das Abkommen einen Schutz von über 340 geografischen Herkunftsbezeichnungen wie Parmesan, Champagner oder Münchener Bier.
Im Gegenzug streicht der Mercosur-Block Zölle auf Agrarprodukte aus der EU wie Wein, der bislang mit 27 Prozent belastet war, oder Spirituosen. Hier galten 35 Prozent.
Wie sind die Handelsbeziehungen zwischen den Mercosur-Staaten und EU aktuell?
Für die Mercosur-Region ist die EU der zweitgrößte Handelspartner im Warenhandel, direkt nach China. Im Gegenzug ist der Mercosur der zehntgrößte Handelspartner der EU. Über 80 Prozent des Handels fand dabei zwischen der EU und Brasilien statt, nach Angaben der Europäischen Kommission hängen rund 750.000 Arbeitsplätze am Handel mit dem Mercosur.
Die Handelsbilanz ist dabei recht ausgeglichen: 2024 beliefen sich die Exporte der EU auf rund 56 Milliarden Euro, während sie Waren im Wert von rund 57 Milliarden Euro importierte. Die wichtigsten Exportgüter der EU sind Maschinen und Geräte, Fahrzeuge, Chemie- und Pharmaprodukte. Importiert werden vor allem Agrarprodukte und Rohstoffe.
Deutschland hat dagegen einen stärkeren Exportüberschuss gegenüber dem Mercosur, so überstieg der Wert der ausgeführten Güter den der Importe 2023 um elf Milliarden Euro. Dabei mache der Handel mit dem Mercosur etwa ein Prozent der deutschen Exporte aus, sagt der Chefsvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer der ARD-Finanzredaktion.
Wie wird sich das auf den Handel auswirken?
Die EU-Kommission schätzt, mit dem Abkommen die EU-Exporte nach Südamerika um bis zu 39 Prozent steigern zu können – das entspräche einem Zuwachs von 49 Milliarden Euro zur europäischen Wirtschaftsleistung. Damit könnten mehr als 440.000 Arbeitsplätze in Europa unterstützt werden, so die Kommission weiter.
Zudem sollen ihr zufolge schon allein die Einsparung der Zölle europäischen Händlern eine Summe von insgesamt vier Milliarden Euro jährlich sparen. Auch für Dienstleister ergäben sich Vorteile, da sie sich nun gleichberechtigt auf Aufträge im Mercosur-Gebiet bewerben könnten.
Die Lebensmittel, bei denen das Abkommen Beschränkungen vorsieht, werden wohl wenig betroffen sein. Zu diesem Schluss kam eine Analyse des bundeseigenen Thünen-Agrarforschungsinstituts. Ein Rückgang der europäischen Produktion sei vor allem bei Rind- und Geflügelfleisch zu erwarten, mit 1,5 Prozent ist dieser gleichzeitig nicht besonders hoch. Gleichzeitig sieht das Institut im Mercosur-Gebiet einen neuen Markt für Milchprodukte und verarbeitete Lebensmittel.
Warum hat die EU das Abkommen jetzt so vorangetrieben?
In Zeiten, in denen der Welthandel sich so im Aufruhr befindet und teilweise als politisches Druckmittel genutzt wird – wie von US-Präsident Donald Trump mit seinen Zöllen oder seitens China mit Dumpingpreisen im Export – ist es für die EU wichtig, sich wirtschaftlich breiter aufzustellen und neue Handelspartner zu erschließen.
Das ist ihr mit dem Mercosur-Abkommen nun gelungen. Die Region sei zwar klein und könne diese etablierten Märkte nicht ersetzen, sagt der Commerzbank-Chefsvolkswirt Krämer im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. „Aber man muss auch sehen, der Mercosur wächst eben ordentlich.“
Dazu komme die Signalwirkung eines solchen Abkommens, so Krämer. Für die EU sei es enorm wichtig gewesen, als verlässlicher Verhandlungspartner angesehen zu werden. Ein Scheitern des Abkommens hätte diesem Ansehen enorm geschadet – und zukünftige Abkommen, zum Beispiel mit Indien, schwieriger gemacht.
Letztlich erhofft sich die EU auch, mit dem Abkommen die Macht von anderen Akteuren wie China in Schach zu halten – und damit auch ein Zeichen für den freien Welthandel setzen zu können. Für einige Länder in der Region, insbesondere die größte Wirtschaftsmacht Brasilien, ist China schon jetzt der wichtigste Handelspartner.
