Eine Umfrage unter 1200 Unternehmenschefs weltweit zeigt, wie Zölle und geopolitische Spannungen die Wirtschaft belasten. Besonders in deutschen Konzernen geht dabei die Angst um. Die Ergebnisse zeigen aber auch, was die Regierung jetzt tun müsste.
An den Börsen herrscht dieser Tage Euphorie. Doch die wird von sprudelnden Gewinnen bei wenigen Großkonzernen getragen. Die breite Masse der Industrieunternehmen, und erst recht der Mittelstand, kämpfen mit Stagnation, Inflation und Zöllen. Entsprechend ängstlich ist deren Blick in die Zukunft.
Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Beratungsgesellschaft EY Parthenon unter den Chefs von 1200 großen Unternehmen in 21 Ländern, die WELT exklusiv vorliegt. 20 Prozent der Befragten machen einen Umsatz von weniger als 500 Millionen US-Dollar im Jahr, 30 Prozent von mehr als fünf Milliarden, der Rest liegt dazwischen. Die Umfrage, die im August durchgeführt wurde, liefert daher ein gutes Bild der Stimmungslage in der breiten Wirtschaft.
Dabei zeigt sich zunächst, wie heftig die neuen Zoll- und Handelsbarrieren viele Unternehmen treffen. 77 Prozent der Firmenchefs erwarten, dass höhere Zölle die finanzielle Leistung ihres Unternehmens erheblich schwächen werden. In Deutschland ist der Anteil mit 76 Prozent praktisch gleich hoch, interessanterweise ist er jedoch in den USA am höchsten. Dort liegt er bei 92 Prozent.
Dies zeigt einmal mehr, dass die Zölle eben nicht von den ausländischen Konzernen bezahlt werden, wie US-Präsident Donald Trump stets behauptet, sondern mindestens zu einem großen Teil von den eigenen Unternehmen und den eigenen Bürgern.
Eine kurzfristige Entspannung der geopolitischen und wirtschaftlichen Lage er-warten die meisten Firmenbosse indes nicht – im Gegenteil: Weltweit glauben 57 Prozent, dass die Unsicherheit mehr als ein Jahr anhalten wird, in Deutschland sind es 63 Prozent. Hierzulande gehen sogar 32 Prozent davon aus, dass die brenzlige wirtschaftliche Lage noch mehr als drei Jahre andauern wird, global sind nur 24 Prozent so pessimistisch.
Die Amerikaner bleiben optimistisch
Noch negativer gestimmt als die Deutschen sind nur die Japaner. In den USA dagegen rechnen nur 15 Prozent mit solch einer langen Durststrecke – der amerikanische Hang zu einer optimistischen Sichtweise könnte hier durchschlagen.
Die Berater indes teilen die eher pessimistische Sicht. „Nationalistische Wirtschaftspolitik ist global auf dem Vormarsch“, sagt Sandra Krusch, Partner bei EY-Parthenon in Deutschland. Eine schnelle Rückkehr zu einer regelbasierten internationalen Ordnung mit möglichst freiem Handel sei nicht zu erwarten. „Unwägbarkeiten und steigende Risiken sind die neue Normalität“, sagt sie. Darauf müssten die Unternehmen sich einstellen.
Das tun viele bereits. Sie setzen dabei vor allem auf eine stärkere Lokalisierung ihrer Aktivitäten. Weltweit geben 74 Prozent der CEOs an, in den jeweiligen Absatzmärkten stärker zu investieren und dort eigene Produktions- und Vertriebskapazitäten aufzubauen. Unter den deutschen Konzernen entspricht der Anteil dem globalen Schnitt, am höchsten ist er wieder in Japan (97 Prozent), wo ja auch der Pessimismus am größten ist.
Erstaunlich scheint auf den ersten Blick, dass auch 82 Prozent der US-Konzerne mit einer Verlagerung ihrer Aktivitäten reagieren wollen. Allerdings kann Lokalisierung natürlich zweierlei meinen: Aufbau und Produktion in ausländischen Absatzmärkten, aber eben auch das Zurückholen in den eigenen Markt. Gerade US-Konzerne hatten in der Vergangenheit die Produktion meist ins Ausland verlagert – das könnten viele nun zurückdrehen wollen.
Bestes Beispiel dafür ist Apple. Das Unternehmen produziert seine iPhones praktisch ausschließlich an Billigstandorten, früher vor allem in China, zuletzt zunehmend in Indien. Doch in jüngster Zeit kündigte das Unternehmen auch hohe Investitionen in den USA an.
So ist es wenig verwunderlich, dass die USA der Umfrage zufolge mit großem Abstand das Land sind, in dem die meisten Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten investieren möchten: 82 Prozent weltweit haben das vor – ein enormer Anteil. Dahinter folgen Kanada und Großbritannien, die das Investitionsziel für 32 Prozent sind. Indien folgt mit 23 Prozent auf Platz vier, Deutschland mit 21 Prozent auf Rang fünf. „Die US-Politik, verstärkt Investitionen ins Land zu holen, zeigt Wirkung“, sagt EY-Beraterin Krusch.
Deutschland gerät unter Druck
Für Deutschland dürfte die angestrebte Lokalisierung der globalen Konzerne dagegen eher negative Folgen haben „Der Standort Deutschland war jahrzehntelang einer der großen Gewinner der Globalisierung“, sagt Krusch. Das alte Modell, von Deutschland aus die Welt zu beliefern, verliere angesichts zunehmender Handelsbarrieren jedoch an Tragfähigkeit. Nicht nur die USA, sondern auch andere Länder verlangten zunehmend eine Produktion vor Ort. „Für deutsche Konzerne bedeutet das: Investitionen verlagern sich zunehmend ins Ausland. Deutschland profitiert damit nur noch begrenzt vom Wachstum internationaler Märkte – Aktivitäten hierzulande geraten stärker unter Druck.“
Die Umfrage zeigt aber auch, was Deutschland tun muss, um als Investitionsziel attraktiver zu werden. Denn als zentrale Kriterien bei der Entscheidung für oder gegen einen Standort nannten die befragten CEOs Innovationskraft und eine gute Infrastruktur. Dahinter folgen mit 49 Prozent die Energiekosten und die Arbeitskosten (47 Prozent). Wenn die Regierung Deutschland also für die Zukunft rüsten will, muss sie das Land in diesen vier Feldern fit und wettbewerbsfähig machen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Frank Stocker ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage, Finanzmärkte, Konjunktur und Zinspolitik. Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 und zur Geschichte der D-Mark veröffentlicht.
