An der Oberfläche scheinen Donald Trump und Xi Jinping ebenbürtige Gegner in ihrem Handels-Streit. Doch tatsächlich sind die Karten ungleich verteilt, denn eine Seite hat ein Blatt, das nicht zu übertrumpfen ist und wird daher als klarer Sieger aus dem Konflikt hervorgehen.
Sie beäugen sich, sie erhöhen stetig ihren Einsatz, vielleicht bluffen sie, vielleicht aber auch nicht. Donald Trump und Xi Jinping haben die nächste Pokerrunde eröffnet. Die Präsidenten der USA und Chinas wollen beide das Spiel auf jeden Fall gewinnen, ein Spiel, das keines ist, sondern ein Kampf: um Zölle, um Handelsanteile, um Macht.
Seit Kurzem ist der Handelskonflikt zwischen den beiden Ländern wieder aufgeflammt, und derzeit scheint keine Seite zum Nachgeben bereit. Es sieht dabei vordergründig so aus, als ob zwei ebenbürtige Handelsmächte den Showdown suchen. Doch tatsächlich sind die Karten recht ungleich verteilt, denn eine Seite hat ein Blatt, das nicht zu übertrumpfen ist und dürfte daher als klarer Sieger aus der Partie hervorgehen – und das ist China. Europa indes könnte bei diesem Konflikt unter die Räder kommen.
Eigentlich hatte es lange nach Entspannung zwischen Peking und Washington ausgesehen. Am 26. Juni hatten die beiden Staaten ein Rahmenabkommen zu ihren Handelsbeziehungen unterzeichnet. Die Eckpunkte sehen vor, dass die USA Zölle von 30 Prozent auf Importe aus China erheben, zusätzlich zu den 20 Prozent Basis-Zoll, der für alle gilt. Gleichzeitig soll China die Importe aus den USA nur mit zehn Prozent belegen und wieder hochwertige Halbleiter einführen können, während die USA wieder Zugang zu seltenen Erden bekommen. Die Vereinbarung ist jedoch noch nicht in Kraft, bis 10. November gilt eine Frist, bis zu der die USA lediglich den Basiszoll von 20 Prozent erheben.
Doch statt die Vereinbarung in trockene Tücher zu bringen, eskalieren beide Seiten den Konflikt seit dem 9. Oktober wieder. Zunächst kündigte Peking schärfere Exportkontrollen für seltene Erden an. Darauf reagierte US-Präsident Donald Trump mit der Drohung, ab 1. November zusätzlich 100 Prozent Zoll auf chinesische Waren zu erheben. China konterte, indem es seit dem 14. Oktober höhere Hafengebühren für amerikanische Schiffe erhebt, und Trump wiederum überlegt nun, Speiseöl aus China mit einem Embargo zu belegen.
Ob die Spirale sich weiter dreht, dürfte sich schon in den kommenden Tagen entscheiden. Zum einen beginnt am 20. Oktober in Peking die diesjährige Plenartagung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Dort soll es vor allem um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes und um den Fünfjahresplan für die Jahre 2026 bis 2030 gehen. Doch natürlich wird auch der Zollstreit mit Washington ein Thema sein.
Zum anderen gibt es Ende des Monats die Gelegenheit, den Konflikt auf höchster Ebene zu besprechen. „Nach wie vor ist ein Treffen zwischen Xi und Trump auf dem APEC-Gipfel in Südkorea ab dem 31. Oktober geplant“, sagt Mark Haefele von der Investmentbank UBS. „Dies könnte einen potenziellen Meilenstein innerhalb des Konflikts darstellen.“ Er geht nach wie vor davon aus, dass sich beide Seiten aufeinander zubewegen. „Sowohl die USA als auch China streben Zugeständnisse an, versuchen aber auch, einen belastenden Handels-Streit miteinander zu vermeiden.“
Der Finanzmarkt ist noch entspannt
Das scheint auch die Mehrheit der Teilnehmer am Finanzmarkt zu glauben, denn der Absturz der Kurse nach Trumps neuer Zollankündigung war schon nach einem Handelstag weitgehend wieder ausgeglichen. Allerdings scheinen viele das wahre Machtverhältnis zwischen den USA und China zu verkennen.
Denn die Bedeutung der Exporte für China im allgemeinen und der USA als Exportmarkt im Speziellen wird von vielen überschätzt. Rund 20 Prozent der chinesischen Wertschöpfung hängt von den Ausfuhren ab – das ist nicht wenig, aber in der EU sind es beispielsweise 36 Prozent. Von allen Ausfuhren Chinas gingen wiederum 2024 rund 14 Prozent in die USA. Das Land war damit zwar Exportziel Nummer eins, aber 86 Prozent gehen eben in andere Länder.
Und vor allem findet gerade eine Verschiebung statt. „Zwar sanken die chinesischen Exporte in die USA, jedoch ließ sich dies mit Exporten in andere Regionen mehr als ausgleichen“, sagt Edgar Walk, Chefvolkswirt beim Bankhaus Metzler. „So war ein robustes Wachstum der chinesischen Exporte in die EU von mehr als 14 Prozent im September zu beobachten.“ Der gesamte Handelsbilanzüberschuss Chinas steigt daher im Trend sogar weiter. Trumps Politik schadet China also bisher nicht, und auch neue Zölle würde die Volksrepublik wohl wegstecken.
Ganz anders dagegen auf der anderen Seite. „Ein Zoll von 100 Prozent auf chinesische Importe könnte die Kosten für US-Technologieunternehmen beträchtlich steigern, besonders wenn sie komplexe Lieferketten in Festlandchina aufweisen“, sagt Mark Haefele. „Unsere Analyse deutet an, dass dadurch die Margen für führende Smartphones um bis zu zehn Prozent verringert werden könnten.“ Auch den Konsumenten könnten dadurch höhere Preise bevorstehen.
„Ein flächendeckender Zoll dieser Größenordnung wäre ökonomisch kaum tragfähig“, sagt auch Robert Greil, Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck. „US-Unternehmen hängen stark von chinesischen Zwischenprodukten ab. Eine solche Maßnahme würde Lieferketten sprengen und die Inflation wieder anheizen.“ Die neuen Zölle würden also vor allem den USA selbst schaden.
Dies zeigte auch der Absturz der Börsenkurse nach Trumps Ankündigung. Darauf hatte der US-Präsident wiederum mit Beschwichtigungen reagiert. In den sozialen Medien schrieb er: „Macht euch keine Sorgen wegen China“ und: „Die USA möchten China helfen und dem Land nicht schaden.“ Das zeigt, wo Trump verwundbar ist – und das nutzt China nun noch in ganz anderer Weise aus, mithilfe seines Quasi-Monopols bei seltenen Erden.
Dabei handelt es sich um insgesamt 17 chemische Elemente, Metalle, die eigentlich nicht selten sind, aber meist nur in jeweils kleinen Mengen als Beimischung in anderen Mineralen vorkommen. „Die Weiterverarbeitung seltener Erden ist daher nicht selten umwelttechnisch ein ziemliches Desaster, und die Herstellung ist oftmals extrem energieintensiv“, sagt Christian Jasperneite von der Privatbank M.M. Warburg.
Deshalb zogen sich die USA und Europa, die früher auch selbst über die technischen Fähigkeiten zur Produktion dieser Metalle verfügten, in den vergangenen Jahrzehnten daraus zurück und überließen den Markt praktisch komplett China. Dem Umweltschutz war damit nicht geholfen, denn die Produktion betrieben einfach nur andere. Dafür lieferte der Westen Wohl und Wehe seiner Wirtschaft den Entscheidungen in Peking aus.
Denn diese Elemente werden für die Produktion fast aller moderner technischer Güter gebraucht und sind bis auf wenige Ausnahmen auch kaum ersetzbar. Bei den meisten dieser Elemente verfügt China inzwischen aber über eine beherrschende Marktstellung, teilweise werden 90 Prozent in China oder in Minen unter chinesischer Kontrolle gefördert und auch weiterverarbeitet. Die USA wiederum sind bei zwölf der vom US Geological Survey als „kritisch“ eingestuften Mineralien zu 100 Prozent von Importen abhängig.
„China hält ein geopolitisches Royal Flush in der Hand“, sagt daher Jasperneite. Das ist das stärkste und seltenste Blatt im Poker und schlägt alle anderen. „Aber während man beim Pokerspiel gar nicht weiß, was das Gegenüber im Schilde führt, ist es hier ganz offensichtlich, und trotzdem will es noch nicht jeder wahrhaben.“ Dabei sei die Lage eindeutig: Wir sind erpressbar. „Bei jedem wie auch immer gearteten Konflikt hält China einen Trumpf in der Hand, dem nichts entgegenzusetzen ist“, sagt er. „China kann die Industrieproduktion der westlichen Welt handstreichartig zum Erliegen bringen.“
Diesen Trumpf spielt Peking jedoch nicht direkt aus. Das Land erhöht den Druck und die Dosis vielmehr allmählich und gut getarnt. So sollen die jüngsten Exportbeschränkungen offiziell nur sicherstellen, dass die Metalle nicht für militärische Zwecke verwendet werden. Das solle die nationale Sicherheit Chinas schützen. Für alle anderen Zwecke bleibt der Export erlaubt – allerdings nur nach vorheriger Genehmigung.
Das klingt nachvollziehbar, aber die Elemente werden eben gerade auch in der Rüstungsindustrie gebraucht, und heute mehr denn je. Zudem führt alleine die Genehmigungsprozedur zu einer zusätzlichen Belastung und Verzögerung. Im September lag der Export seltener Erden aus China daher schon 31 Prozent unter dem Vormonat.
China ist folglich in einer extrem guten Verhandlungsposition, und offenbar will das dortige Regime diese nun nutzen. „China könnte sich ermutigt fühlen, in seinen bilateralen Verhandlungen mit den USA neue Maßstäbe zu setzen“, sagt Jan Hatzius, Chefökonom bei Goldman Sachs. Und es ist auch kein Zufall, dass dies jetzt geschieht. Denn am 10. November läuft die Frist aus, bis zu der die USA und China die im Juni vereinbarten neuen Zölle ausgesetzt haben. Peking scheint die damaligen Sätze für sich nochmals deutlich verbessern zu wollen. „Jüngsten Berichten zufolge streben chinesische Politiker insbesondere die Abschaffung der 20-prozentigen Zölle an, die die USA Anfang des Jahres eingeführt hatten“, sagt Hatzius.
Die Frage ist, ob sich Trump auf einen solchen Deal einlässt, der letztlich eine schwere Niederlage für ihn bedeuten würde. So wie die Karten gemischt sind, bleibt ihm allerdings wohl nichts anderes übrig. Alternativ könnte auch die Frist bis zur Einführung der vereinbarten Zölle verlängert werden – damit würde der Konflikt aber nur auf die lange Bank geschoben.
Der Machtkampf wird anhalten
Doch selbst wenn nun ein Deal gefunden wird, so zeigt der Konflikt, was in den kommenden Jahren droht. „Die geopolitische Fragmentierung und regionale Neuausrichtung von Lieferketten schreiten voran“, sagt Robert Greil. „Sowohl die USA als auch China investieren massiv in eigene Produktionskapazitäten für strategisch wichtige Güter – von Halbleitern über Batterien bis hin zu Verteidigungstechnologien.“
Gleichzeitig wird Peking sein Drohpotenzial weiter nutzen. „China hat ein Interesse, ganz wie ein Imperium aus vergangenen Zeiten, seine Macht auszuweiten und Regeln und Arbeitsweisen der globalen Zusammenarbeit zu seinem Vorteil zu verändern“, sagt Christian Jasperneite. „Das lässt vermuten, dass China immer wieder im Kontext seltener Erden seine Muskeln spielen lassen wird, um eigene Interessen durchzusetzen.“
Welche Rolle Europa in diesem geopolitischen Machtspiel zukommt, hängt davon ab, wie die Regierungen in diesem Teil der Welt reagieren. Es kann in diesem Konflikt komplett unter die Räder kommen. Als geeinter Wirtschaftsblock könnte die EU aber durchaus auch ein mächtiger dritter Spieler werden. Doch dafür bedarf es des Willens und des Mutes dazu.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Frank Stocker ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage, Finanzmärkte, Konjunktur und Zinspolitik. Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 und zur Geschichte der D-Mark veröffentlicht.
