Bulgarien tritt der Eurozone bei. Die Bevölkerung ist skeptisch. Politische Instabilität und Korruption überschatten das Projekt. Doch die Wirtschaft hofft auf Investitionen.
Ein neues Motiv schmückt vom neuen Jahr an viele Euro-Münzen: Der Heilige Johannes aus dem Rila-Gebirge ist dann auf der Ein-Euro-Münze Bulgariens zu sehen. Das südosteuropäische Land tritt zum Jahreswechsel als 21. Mitglied der Eurozone bei.
Johannes, der sich als Einsiedler in die Wildnis des Gebirges zurückzog, zeitweise in einer Höhle lebte und von Kräutern ernährte, ist der bedeutendste Heilige des Landes, Schutzpatron der Bevölkerung und Gründer des berühmtesten Kloster des Landes.
Viele Beobachter hoffen, dass Johannes dem Land etwas Glück bringt: Denn nach Pleiten, Pech und Pannen schafft es Sofia nur mit Ach und Krach, dem Euroraum nun endlich beizutreten. Mindestens zwei Anläufe schlugen fehl.
Kroatien als negatives Vorbild?
Eigentlich sollte Bulgarien schon 2024 die Eurozone erweitern, doch Schlamperei der Regierung bei den Vorbereitungen und das Verfehlen der Aufnahmekriterien machten einen Strich durch die Rechnung. Vor allem die hohe Inflation, die zeitweise zweistellige Raten erreichte, machte den Beitritt unmöglich.
Auch jetzt drücken EZB und EU-Kommission beide Augen zu. Denn der von ihnen festgelegte Referenzwert von 2,8 Prozent bei der Teuerung erreichte das Land nur ganz knapp (2,7 Prozent) und mit viel gutem Willen. Kritiker sprechen eher von Schönfärberei. Wie schon im Fall von Kroatien, das 2023 der Eurozone beitrat, musste sich die bulgarische Teuerung nicht am Gesamtdurchschnitt aller Mitgliedsstaaten messen lassen.
Für die Berechnung wurden bestimmte Länder mit besonders hoher und besonders niedriger Inflation ausgewählt – damit es schön passte. Im Fall von Kroatien war das ein Fehlschlag: Das Land macht immer wieder Schlagzeilen, weil die Teuerung nach der Euro-Einführung dort besonders hoch ist. Davor haben auch die Bulgaren Angst, weshalb die Euro-Einführung wenig beliebt ist. In den meisten Umfragen spricht sich fast die Hälfte der Bevölkerung skeptisch oder gegen den Euro aus.
Skandale und Misstrauen prägen die Politik
Das Land, gemessen am Bruttoinlandsprodukt das ärmste in der Europäischen Union, leidet unter hoher Armut. Über ein Fünftel der Bevölkerung lebt schon jetzt unter der nationalen Armutsgrenze und hat Probleme, regelmäßig ein Essen auf den Tisch zu bringen. Hinzu kommt, dass die Bulgaren kein großes Vertrauen in ihre Staatsführung haben. Seit 2021 gab es sieben Parlamentswahlen, und die nächste steht schon wieder an.
Skandale wie die publikumswirksame Veröffentlichung von Schlafzimmer-Fotos des ehemaligen Regierungschefs Boiko Borissow erschütterten das Vertrauen in den Staatsapparat. Sie zeigten ihn bewaffnet mit Pistole, einem Goldbarren und einem Bündel 500-Euro-Scheine schlafend im Bett, was Borissow aber als Verschwörung darstellte.
Massive Korruption, Missmanagement und politisches Versagen sind an der Tagesordnung. Es wird den Verantwortlichen auch bei der Erstellung des ersten Haushalts in Euro vorgeworfen: Deshalb gingen vor kurzem über 500.000 Bulgarinnen und Bulgaren im ganzen Land auf die Straße. Die Proteste führten schließlich zum Rücktritt der jetzigen Regierung.
Beneidenswertes Wirtschaftswachstum
Unter diesen Vorzeichen sind viele Skeptiker nicht besonders glücklich mit dem Beitritt. Sie argumentieren, auch kleine Länder könnten die Eurozone ins Schlingern bringen und warnen vor einem neuen Griechenland. Auch beim Beitritt Hellas waren EZB und EU-Kommission zu großzügig. Athen hatte damals falsche Wirtschaftsdaten vorgelegt, die Prüfer in Frankfurt und Brüssel arbeiteten nachweislich schlampig bei der Kontrolle.
Damit handelte man sich die bislang schwerste Krise im gemeinsamen Währungsraum ein, die den Euro fast in den Abgrund riss. Doch von solchen Schauergeschichten will Dimitar Radev, Ökonom und Chef der bulgarischen Zentralbank, nichts wissen. Der 69-Jährige, der schon seit einigen Monaten dem EZB-Rat als Gast beiwohnt, bevor er nun vollständiges Mitglied wird, verweist auf die enge Bindung der bisherigen Landeswährung Lev zum Euro.
Tatsächlich ist sie schon seit dem Start des Euro im Jahr 1999 an die Gemeinschaftswährung gekoppelt. Die Wirtschaft des Landes ist sehr robust, Bulgarien verzeichnet eine beneidenswertes Wirtschaftswachstum von drei Prozent – doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt. Nach der Euro-Einführung dürfte es viele Investitionen anziehen. Unternehmen erhoffen sich neue Chancen. Durch die stärkere Einbindung in die Europäische Union dürfte auch der Druck steigen, die traditionell starke Korruption besser unter Kontrolle zu bringen.
Wohl der vorerst letzte Euro-Beitritt
Mit dem jetzigen Beitritt Bulgariens dürfte die Erweiterung der Euro-Zone erst einmal eine Pause einlegen. Zwar sollen nach den EU-Gesetzen alle 27 Mitgliedsstaaten der Eurozone beitreten, wenn sie es wie Dänemark nicht ausgeschlossen haben. Doch außer in Rumänien, wo man noch weit von der Erfüllung der Aufnahmekriterien entfernt ist, gibt es derzeit kein großes Interesse: vor allem in Polen, der Tschechischen Republik und in Schweden möchte man lieber an der heimischen Währung festhalten.
Das hat zumindest in Ost-Europa teilweise nationalistische Gründe, liegt aber auch am Versagen der EZB einer schnellen Bekämpfung der letzten Inflationswelle. Viele Notenbanken der Euro-Zögerer verweisen darauf, dass sie die Teuerung aufgrund ihrer Eigenständigkeit besser und schneller in den Griff bekommen hätten als die EZB.
So wird Johannes aus dem Rila-Gebirge wohl noch etwas warten müssen, bis auch die Wahrzeichen der noch fehlenden Länder auf den Euro-Münzen zu sehen sein werden. Aber an Bescheidenheit hat es dem Eremit ja noch nie gemangelt.

