Über drei Millionen stieg die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Jahr zwischenzeitlich. Nun sollen Investitionen die Wirtschaft in Schwung bringen. Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?
Der deutsche Arbeitsmarkt befinde sich in einer Talsohle, stellte die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, im vergangenen Jahr ein ums andere Mal fest. Auch die aktuellen Zahlen ihrer Behörde versprechen zu Beginn des Jahres noch keine Besserung. Im Dezember waren 2.908.000 Menschen arbeitslos, rund 100.000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote stieg auf 6,2 Prozent. Seit gut drei Jahren ist die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich angestiegen. Die deutsche Wirtschaft kommt nicht in Schwung, zudem wirkt sich der tiefgreifende Wandel in der Industrie nach wie vor auf den Arbeitsmarkt aus.
Stellenabbau hauptsächlich in der Industrie
Und davon ist vor allem die Automobilbranche betroffen. Eine Reihe von Unternehmen haben im vergangenen Jahr den Abbau von Stellen angekündigt, darunter die großen Automarken sowie deren Zulieferer. Rund 140.000 Arbeitsplätze sind in der Industrie verloren gegangen, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Christian Merkl, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg.
Der Abbau von Personal sei dabei nicht immer mit Entlassungen verbunden. Zum Beispiel nutzten die Unternehmen die „natürliche Fluktuation“, indem die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und deren Stellen nicht neu besetzt werden. Auch Altersteilzeit-Regelungen oder ein vorzeitiger Renteneinstieg mit Abfindungen gehören zum Stellenabbau.
Stillstand auf dem Arbeitsmarkt
Der Arbeitsmarkt sei seit Monaten „wie ein Brett“, sagte Bundesagentur-Chefin Andrea Nahles. Es komme kein Schwung hinein. Der Nürnberger Wirtschaftswissenschaftler Merkl vergleicht den Arbeitsmarkt mit dem Wasser in einer Badewanne: Mit rund drei Millionen Arbeitslosen sei der Wasserstand in den vergangenen Jahren langsam angestiegen, aber momentan sei der Abfluss verstopft. „Die Menschen, die arbeitslos geworden sind, haben es momentan sehr schwer, die Arbeitslosigkeit zu verlassen“, so Merkl.
Lediglich in den Bereichen Erziehung, Pflege und öffentliche Verwaltung würden noch Jobs in größerer Zahl angeboten. Deshalb hält der Ökonom den deutschen Arbeitsmarkt auch noch für robust.
Wo sind die Zukunftsmärkte?
Über die bisher beschlossenen Maßnahmen zur Entlastung der Unternehmen hinaus sollte sich die Wirtschaftspolitik nach Merkls Ansicht mehr in Richtung Zukunft bewegen, statt „am Alten festzuhalten“. Er nennt die Energieversorgung und Schnittstellen von Industrie und Künstlicher Intelligenz als solche Zukunftsfelder.
Deutschland brauche bis 2030 rund 160.000 Arbeitskräfte für die Energiewende, prognostizierte das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im vergangenen Sommer. Man müsse Menschen mit technischen Kompetenzen gerade in die aufstrebenden Bereiche bringen, sie also „weiterentwickeln statt früh verrenten“, fordert IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber.
Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren ein Prozent Wachstum in diesem Jahr. Zu einem schnellen Aufschwung am Arbeitsmarkt werde das aber nicht führen, dämpft Andrea Nahles die Erwartungen. „Es deutet einiges darauf hin, dass wir die Talsohle erreicht haben“, sagte sie bei ihrer Bilanz des Arbeitsmarktjahres 2025. Die Investitionsprogramme der Bundesregierung in Infrastruktur und Verteidigung könnten in der zweiten Jahreshälfte 2026 wirksam werden und Jobs in der Industrie und am Bau schaffen. Zunächst sei aber damit zu rechnen, dass die Zahl der Arbeitslosen Anfang des Jahres jahreszeitlich bedingt erneut die Drei-Millionen-Marke überschreitet.
Fortschritte und Skepsis beim Bürgergeld
Als positiv bewertet die Behördenchefin, dass die Zahl der erwerbsfähigen Bürgergeldempfänger in den letzten Monaten leicht zurückgegangen ist. Das liege unter anderem daran, dass mehr Geflüchtete aus der Ukraine eine Beschäftigung aufgenommen hätten. Skeptisch ist Nahles dagegen, ob der Umbau des Bürgergelds zur neuen Grundsicherung dem Arbeitsmarkt viel bringen kann: „Vier Fünftel der offenen Stellen, die wir derzeit haben, sind für Fachkräfte ausgeschrieben. Die Hälfte der Arbeitslosen aber sind nur für Helferjobs qualifiziert.“
Bei Bürgergeldempfängern kommen nach BA-Angaben außerdem vielfältige „Vermittlungshemmnisse“ wie fehlende Kinderbetreuung, Krankheit oder mangelnde Sprachkenntnisse hinzu. Angesichts der vielen Probleme des Arbeitsmarkts fasst Nahles die Aussichten so zusammen: „2026 wird ein Jahr mit Licht und Schatten.“
