Laut einer Bahn-Studie können selbstfahrende Busse und Shuttles den ÖPNV verbessern. Doch vor allem muss das Angebot alltagstauglich sein.
„Autonomes Fahren – Schlüssel zur Mobilität von Morgen“, so der Titel einer Studie, die von der Regionalverkehrssparte der Deutschen Bahn (DB Regio) in Auftrag gegeben wurde. Es geht um Szenarien, wie das Potenzial dieser neuen Technologie maximalen Nutzen für die Gesellschaft bringen kann.
Die wohl bedeutsamste Erkenntnis: Selbstfahrende Busse können den öffentlichen Nahverkehr deutlich effizienter machen, Kosten und Personal einsparen helfen. Doch dafür reicht es nicht, das bestehende Angebot einfach umzustellen und zu automatisieren.
Zwar, so zeigt die Studie, könnten durch das autonome Fahren Probleme der Branche verringert werden – etwa der Fahrermangel oder die begrenzten finanziellen Mittel. Aber zu einem spürbaren Umstieg vom Pkw auf den ÖPNV würde eine solche Eins-zu-Eins-Umstellung auf selbstfahrend nicht führen. Der Anteil des öffentlichen am Gesamtverkehr stiege nur moderat von derzeit 15 auf 18 Prozent, so Thomas Drewes, der bei DB Regio für das autonome Fahren zuständig ist.
„Wenn wir die Technologie nur dafür einsetzen, dass wir bestehende Angebote ersetzen, dann schöpfen wir ihr Potenzial nicht aus“, sagt Drewes weiter. Um den größten Nutzen durch das autonome Fahren zu erreichen, müsste der ÖPNV laut Studie anders strukturiert und entsprechend ausgebaut werden.
Ein flächendeckendes, autonomes Rufbusangebot
Selbstfahrende Shuttle, die bei Bedarf gerufen werden können und ihre Fahrgäste an ihr Ziel oder zum Zug bringen, würden in dieser Neuausrichtung die zentrale Rolle spielen neben optimierten Buslinien. So steht es im sogenannten Daseinsvorsorge-Szenario für das Jahr 2045, auf das alle Modelle in der Studie ausgerichtet sind.
Ein solches Angebot könnte den Anteil des öffentlichen am Gesamtverkehr auf 35 Prozent steigen lassen und damit mehr als verdoppeln, rechnet Thomas Drewes vor. Um das zu erreichen, müssten rund eine Million solcher Shuttle und Busse autonom fahren. Dann ließe sich auf dem Lande die Wartezeit halbieren auf dann durchschnittlich 13 Minuten.
Für die Bewohner in ländlichen Regionen würde dieses Szenario erhebliche Verbesserungen bringen, was die Anbindung an den ÖPNV betrifft. In Städten würde die Wartezeit bei fünf Minuten liegen, und die Fahrten würden in etwa so lange dauern wie mit einem Pkw. Derzeit brauchen die Busse in der Regel länger als ein Auto.
60 Milliarden Euro jährlich würde dieses bestmögliche Angebot kosten, die zu einem großen Teil auch von den Nutzern getragen werden müssten. Die Studie zeige, so Drewes, dass Menschen für ein deutlich besseres Angebot auch bereit wären, mehr zu bezahlen.
Laut der Modellrechnung für 2045 würde der staatliche Zuschuss sogar um 20 Prozent sinken, und Pkw-Fahrer könnten bei einem Umstieg auf den ÖPNV bis zu 170 Euro monatlich sparen. „Mit dem autonomen Fahren haben wir jetzt die Chance, diesen Ausbau des Angebots zu bezahlbaren Kosten durchzuführen“, fasst Thomas Drewes das Ergebnis der Studie zusammen.
Zur Erprobung in der Praxis braucht es jetzt schnell Modellregionen
Autonomes Fahren sei eine große Chance, den ÖPNV attraktiver für Fahrgäste zu machen, sagt auch Knut Ringat, Vizepräsident des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen. Jetzt gehe es darum, dies in der Praxis in verschiedene Modellregionen im städtischen und im ländlichen Raum zu testen mit Hunderten von kleinen Fahrzeugen und Bussen. Eine entsprechende Nachfrage biete auch Planungssicherheit für die Automobilindustrie.
Hier sei jetzt die Unterstützung der Bundesregierung gefragt, so Ringat. Die gesetzlichen Voraussetzungen dafür gibt es bereits. Außerdem haben Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, gemeinsam mit den Ländern bundesweit Modellregionen zu entwickeln und zu finanzieren. Die Studien-Macher erwarten, dass das jetzt auch umgesetzt wird als eine Art Anschubfinanzierung für den Umbau des öffentlichen Nahverkehrs.
Bei der Bahn rechnet man mit einem Erprobungszeitraum von etwa zehn Jahren. Was die Fahrzeuge angeht, so hofft Volkswagen, ab 2027 eine Typenzulassung für komplett autonomes Fahren zu erhalten – es wäre die erste dieser Art in Europa.
Deutsche Hersteller können auf der technischen Ebene mit der Konkurrenz aus China und den USA mithalten, so die Einschätzung von Ilja Radusch, der an der Technischen Universität Berlin zum Thema autonomes Fahren forscht. Am Ende stehe immer die Frage, ob sich das Ganze auch rechnet. Hier gebe es die Erwartung, dass, wenn der ÖPNV in Größenordnungen in das autonome Fahren investiere, die Komponenten billiger werden, so der Forscher weiter.
Ein neues Angebot muss zum Alltagsleben passen
„Autonomes Fahren ist mehr als Technik, es ist eine Chance, Mobilität effizient und nachhaltig zu gestalten“, betont auch Meike Jipp, die an der Studie mitgewirkt hat und beim Zentrum für Luft- und Raumfahrt für Energie und Verkehr zuständig ist.
Doch Mobilität habe auch viel mit Emotionen und Routine zu tun, sagt die Wissenschaftlerin weiter. So würden Menschen ihre Gewohnheiten nur verändern, wenn das neue Angebot verlässlich sowie attraktiv sei und in ihr Alltagsleben passe.

