Schnee und Eis – der Januar ist kälter als in den vergangenen Jahren. Ein Grund dafür, dass die deutschen Gasspeicher gerade so niedrig gefüllt sind wie zuletzt im Winter 2022. Ein Grund zur Sorge?
Zum Jahresbeginn sind die deutschen Gasspeicher nur noch knapp zur Hälfte gefüllt. Das geht aus Daten des Verbands der europäischen Gasinfrastrukturbetreibern hervor.
„Die Gasspeicherfüllstände verlaufen auf einem historischen Tief“, sagt dazu der Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern, Sebastian Heinermann.
Mitte November hatte die Initiative mitgeteilt, Deutschland gehe mit einem unerwartet niedrigen Speicherfüllstand von nur 75 Prozent in die Heizperiode. Bei extrem niedrigen Temperaturen drohten bereits ab Mitte Januar „Unterdeckungen“.
Diese Ausgangslage habe sich jedoch durch die moderaten Temperaturen im Dezember verbessert, sagt Heinemann – dadurch leerten sich die Speicher nur im normalen Umfang.
Kalter Januar geht an die Gasvorräte
Durch die eisigen Temperaturen im Januar werden momentan jedoch deutlich mehr entnommen. Würden sich die Gasspeicher in den nächsten drei Monaten mit dem gleichen Tempo wie vor einem Jahr leeren, wären sie Ende März noch zu fünf Prozent gefüllt, rechnet der Vorstandsvorsitzende des Oldenburger Energieversorgers EWE, Stefan Dohler, vor.
„Das wäre ziemlich wenig.“ Ein solches Szenario sei aktuell aber wenig realistisch, da die Preise auf dem Gasmarkt gerade entspannt seien und Händler dort Gas kaufen könnten.
Dennoch blickt Dohler mit Sorge auf die Entwicklung. „Ich möchte keinen Alarm schlagen, aber trotzdem darauf hinweisen, dass die Füllstandssituation heute so schlecht ist, wie sie es Anfang 2022 war“, sagt Dohler.
Auch zu Beginn des vergangenen Jahr waren die Gasspeicher mit über 75 Prozent deutlich mehr gefüllt.
LNG-Terminals ermöglichen Flexibilität
Mit der Notlage in 2022 allerdings lässt sich die aktuelle Situation nicht vergleichen. Durch den Bau von Terminals für Flüssigerdgas (LNG) an Nord- und Ostsee kann inzwischen flexibler auf Engpässe reagiert werden – zuvor waren Gasspeicher dafür die hauptsächliche Absicherung.
„Die inzwischen gut ausgebaute LNG-Infrastruktur in Deutschland und Europa ermöglicht neben der bestehenden und sicheren Hauptversorgung durch norwegisches Pipelinegas die notwendigen Importe nach Deutschland“, sagte auch eine Sprecherin von Bundeswirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU).
Mit den vorhandenen deutschen LNG-Importterminals könnte man in den kalten Monaten November bis März etwa 16 Prozent der Nachfrage decken.
Energiebranche: Anreize fürs Speichern fehlen
Kritik gibt es derweil aus der Branche. Eine Sprecherin des Energiekonzerns Uniper sagte: „Die Versorgungssicherheit mit Erdgas ist aktuell gewährleistet, aber nicht garantiert.“ Bei einem langen, kalten Winter oder geopolitischen Störungen könnten bei niedrigen Speicherfüllständen Engpässe entstehen.
Die Füllstände seien auch deshalb niedriger als in den Vorjahren, so die Sprecherin, weil die wirtschaftlichen Anreize für die Speicherung fehlten. Daher seien viele Speicher nur teilweise gebucht, es gibt Anträge auf Stilllegungen. Unter den aktuellen Voraussetzungen sei der Speicherbetrieb laut Uniper langfristig nicht wirtschaftlich tragfähig.
Von der Bundesnetzagentur hieß es, der Gasspeicherfüllstand sei ein wichtiger Indikator für zusätzlich verfügbare Versorgungsabsicherungen – jedoch sei er nicht alleinig relevant. „Am Weltmarkt gibt es ausreichend Gas, das unter anderem über die LNG-Terminals importiert werden kann. Insofern gehen wir aktuell von einer gesicherten Gasversorgung aus.“
Forderung nach Gasreserve
EWE-Chef Dohler mahnt dennoch zu mehr Vorsorge. „Die heutigen Instrumente sorgen aus meiner Sicht nicht dafür, dass der Markt allein eine ausreichende Vorsorge für eine kritische Situation bietet, wenn mal eine Leitung ausfällt oder LNG-Terminals mehrfach nicht funktionieren würden.“ Der Manager schlägt etwa die Schaffung einer nationalen, strategischen Gasreserve vor – ähnlich wie es sie für Erdöl gibt.
Dohler verweist etwa auf Österreich, das so eine Gasreserve hat. „Dort wird bewusst Gas als Puffer eingespeichert, was nicht angetastet wird, und nur für Notfälle zur Verfügung stehen sollte.“ Eine staatliche Stelle regele dort über Ausschreibungen die Befüllung von Speichern in einem bestimmten Volumen.
