Das neue Jahr bringt auch einen höheren CO2-Preis mit sich. Öl und Gas zum Heizen oder Autofahren kosten damit mehr Geld. Die großen Turbulenzen bei den Kosten stehen aber noch bevor.
Beim ersten Besuch an der Tankstelle im neuen Jahr droht nach durchzechter Silvesternacht normalerweise die nächste Katerstimmung: Der CO2-Preis steigt und verteuert fossilen Kraftstoff alle Jahre wieder. Der Liter Benzin und Diesel wird daher bis zu drei Cent teurer als es Rohölpreis und die allgemeine Marktentwicklung allein verlangen. Anteil am Liter: knapp 20 Cent.
Dieses Geld fließt in den Klima- und Transformationsfonds, der den Umstieg auf klimaschonende Wärmepumpe, Elektroauto, ÖPNV oder erneuerbare Energiegewinnung finanzieren soll.
Die Abgabe werden viele Automobilisten dieses Mal vielleicht gar nicht bemerken, verliert sie sich doch in den Weiten der Marktvolatilität: Erhöhte Fördermengen der erdölexportierenden Länder oder Militärschläge führten zu vielen Preis-Auf und -Abs. Heizöl etwa lag 2025 in einer Spanne von rund 85 bis 100 Cent je Liter – da beeinflussen drei Cent CO2-Abgabe die Rechnungssumme weniger als Raketen im Nahen Osten.
Preisschwankungen kaschieren CO2-Preis
„Die Erhöhung der CO2-Bepreisung zum Jahreswechsel hat in den vergangenen Jahren durchaus zu einer verstärkten Kaufaktivität kurz vor ultimo geführt“, erinnert sich Oliver Klapschus, Gründer des Portals HeizOel24. Doch dieses Mal gebe es kaum Heizöl-Hamsterkäufe auf seinem Internetportal.
Verbraucher scheinen CO2-kostenresilient: „Klammert man die Preisturbulenzen anlässlich der Energiekrise 2022/2023 aus, zeigt sich ein klarer Sprung im Niveau: Trotz vergleichbarer Rohölpreise und Wechselkurse hat sich Heizöl von rund 60 Cent je Liter in den Jahren 2017 bis 2020 auf rund 90 Cent je Liter in diesem Jahr verteuert. Das heißt: Verbraucher, die mit Öl heizen, müssen mit 50 Prozent gestiegenen Energiekosten leben“, rechnet Klapschus vor.
Auch bei Erdgas haben sich die Brennstoffkosten in drei Jahren verdoppelt, der CO2-Preisanteil steigt hier auf 1,4 Cent die Kilowattstunde.
Autarkie sticht Preisprognosen
Der Anstieg der Öl- und Gaskosten war oftmals Kern von Vergleichsrechnungen von Energieberatern: Je höher die Abgabe, desto eher rentiere sich in Zukunft Wärme aus Erneuerbarer Energie.
„Früher konnten wir Kunden sagen, was für eine Entwicklung der CO2-Preis nehmen könnte. Das waren im Wesentlichen ein Niedrigpreis-, ein Moderatpreis- und ein Höchstpreis-Szenario zwischen 100 oder sogar 300 Euro die Tonne CO2. Da muss man jetzt in der Beratung etwas anders herangehen“, schildert Lennart Feldmann vom Verband der Energieberatenden GIH.
„Wir versuchen klarzumachen, sich nicht zum Spielball der Politik machen zu lassen“, erzählt Feldmann. Wärmeerzeuger auf Basis Erneuerbarer Energien steigerten neben Werterhalt einer Immobilie die Unabhängigkeit: „Ich mache mich unabhängig davon, was in der Politik diskutiert wird, und habe ein Haus, das klimaneutral für die Zukunft dasteht – egal, ob der CO2-Preis 50 oder 300 Euro beträgt.“
Zukunft des CO2-Preises
Tatsächlich sind beide Preisextreme – 50 und 300 Euro – möglich. Denn 2028 wird sich die Berechnung des CO2-Preises ändern und nicht mehr durch das deutsche Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) gelenkt wie derzeit.
Der deutsche Emissionshandel geht dann in den europäischen EU-ETS 2 über. Der überlässt Verbraucher indirekt den Marktmechanismen: Brennstoffhersteller und -händler werden Auktionsangebote auf Emissionszertifikate abgeben. So ähnlich handhabt es bereits der parallel laufende EU-ETS 1 für die Industrie. Angebot, Nachfrage, Preis: das Übliche.
Nur ist das Angebot gedeckelt. So kostete hier zuletzt ein Zertifikat für eine Tonne CO2 mehr als 80 Euro – für Menschen in osteuropäischen EU-Staaten mit einem niedrigeren Einkommen ein horrender Betrag. Energiepreise sind dort im Schnitt deutlich niedriger als in Westeuropa. Der Preissprung: eine Herausforderung. Deshalb verschoben die EU-Umweltminister den Übergang ins neue Verfahren um ein Jahr auf 2028.
EU will Preis drücken
Außerdem will die EU durch eine Art „Nachdrucken“ von CO2-Zertifikaten den Preis senken. Voraussetzung laut EU-Richtlinie für diese Preisdämpfungsmechanismen: ein Durchschnittspreis von rund 60 Euro – also eine Marke, die schon jetzt gerissen wird.
Die Folge: „Je nach praktischer Ausgestaltung des Zertifikatehandels könnten die CO2-Preise theoretisch sogar sinken. Wir bei HeizOel24 gehen eher von einem moderaten Szenario aus, in dem die Ölpreise am Weltmarkt 2026 nicht so stark fallen wie prognostiziert und 2028 kein steiler Anstieg droht“, mutmaßt Klapschus.
Erst Sturz, dann Schock?
Damit würde das, was fossiles Öl oder Gas verbrennt, wieder lukrativer. Eine Art CO2-Preis-Jo-Jo-Effekt. Energieberater Feldmann spüre deshalb vermehrt Verunsicherung bei Kunden, aber auch in der eigenen Branche: „Die Leute, dazu zählen auch die Beratenden, wissen nicht mehr, woran sie sind. Gehen wir den Weg der Energiewende, den wir jetzt sehr gut eingeschlagen haben, mit tollen Erfolgen, die wir gefeiert haben? Oder machen wir die Rolle rückwärts?“
Jene Rolle rückwärts könnte für einen Preisschock sorgen, wenn nach 2030 die Zahl der Zertifikate stärker als bisher verknappt werden. Nur das erfüllt den Zweck, Unternehmen zum CO2-Sparen zu bringen und die Klimaneutralität 2045 wie geplant zu erreichen.
„Gefährlich wäre es, sich auf niedrigen Preisen auszuruhen und zu sagen, es bestehe kein Handlungsbedarf. Sondern die Bundesregierung sollte die Zeit nutzen und jetzt soziale Unterstützungsmaßnahmen zur Abfederung von künftig steigenden Preisen auflegen“, fordert Brigitte Knopf, Direktorin der Denkfabrik Zukunft KlimaSozial und bis vor kurzem stellvertretende Vorsitzende des von der Bundesregierung berufenen Expertenrats für Klimafragen.
Klimaschutz im Wahlkampf
Sie schlägt vor, dass Deutschland 2028 ein eigenes System mit einem CO2-Mindestpreis von 70 Euro installiert: „Wenn wir im ETS 2 zum Beispiel nur einen Preis von 40 Euro hätten, würde Deutschland nochmal extra 30 Euro drauflegen; wäre der Preis hingegen bei 60 Euro, würden wir nur zehn Euro zusätzlich zahlen.“
Einem späteren Preisschock wäre so vorgebeugt. Gleichwohl stünden 2029 turnusgemäß die nächsten Bundestagswahlen an. Mehr Kohle im Geldbeutel oder in der Luft, niedrigere Energiekosten oder höherer Klimaschutz: Womit sich bei der Wählerschaft wohl mehr punkten lässt?

