Donald Trump erhebt offen Anspruch auf Mitsprache bei der Geldpolitik. Die Nachfolge von Fed-Präsident Jerome Powell im kommenden Jahr wird damit zum Test für die Unabhängigkeit der US-Notenbank. Geht er schief, drohen Verwerfungen an den Märkten. Was das für Anleger bedeutet.
Die wichtigste Personalie für die Finanzmärkte dürfte bereits kurz nach dem Jahreswechsel entschieden werden: Wer Jerome Powell an der Spitze der US-Notenbank ablöst, wenn dessen Amtszeit im Mai endet. Dabei geht es um weit mehr als nur darum, ob sich US-Präsident Donald Trump am Ende für seinen früheren Fed-Gouverneur Kevin Warsh oder für seinen langjährigen Wirtschaftsberater Kevin Hassett entscheidet. Denn der nächste Fed-Chef wird nicht nur über den künftigen Zinskurs bestimmen – sondern darüber, wie unabhängig die mächtigste Notenbank der Welt tatsächlich noch agieren kann.
Seine Erwartungen an die künftige Geldpolitik hat Trump kurz vor dem Jahreswechsel in einem Interview mit dem Wall Street Journal klar gemacht. Demnach solle der neue Fed-Präsident sich künftig mit ihm über den angemessenen Zins abstimmen. „Das war früher Routine und sollte wieder so gemacht werden“, sagte Trump. Der Fed-Chef in spe müsse seine Empfehlungen natürlich nicht eins zu eins umsetzen. „Aber ich bin eine kluge Stimme und man sollte mir zuhören“, formulierte Trump unverhohlen seinen Anspruch auf Mitsprache.
Ein konkretes Ziel hat Trump dabei offenbar bereits vor Augen: Leitzinsen von einem Prozent oder darunter. Sinkende Leitzinsen würden den USA helfen, die Finanzierungskosten der Staatsschulden – die inzwischen auf rund 30 Billionen Dollar angewachsen sind – besser zu stemmen, sagte der US-Präsident. Und ergänzte: „Wir sollten die niedrigsten Leitzinsen der Welt haben.“
Für Marktbeobachter sind solche Aussagen ein Alarmsignal. Erstmals seit Jahrzehnten erhebt ein US-Präsident offen den Anspruch, die Geldpolitik der Notenbank mitzusteuern – ein klarer Bruch mit dem bisher geltenden Tabu.
Ausgerechnet die Unabhängigkeit der Zentralbank, ein Grundpfeiler der westlichen Finanzarchitektur seit den 1980er-Jahren, steht damit zur Disposition. „Trumps eigentliches Ziel ist es, die Rolle der Zentralbank so zu verändern, dass die Hauptverantwortung für Inflation und Wachstum wieder der Fiskalpolitik übertragen wird“, warnt Steven Blitz, politischer Stratege beim Analysehaus TS Lombard.
Das Vertrauen in eine stabile Währung bröckelt
Für Anleger und Sparer hat das erhebliche Konsequenzen. Wenn Zweifel daran wachsen, dass eine unabhängige Institution über den Geldwert wacht, leidet das Vertrauen in die Stabilität der Währung. Es droht schlimmstenfalls der Rückfall in eine Zeit, in der die Notenbank zur bloßen Helferin der Fiskalpolitik degradiert war.
Die Unabhängigkeit der US-Notenbank ist eine vergleichsweise junge Errungenschaft. Zwar wurde die Fed bereits 1913 gegründet, war anschließend jedoch lange Zeit eng an das Finanzministerium gebunden. Erst 1951 begann eine weitgehend eigenständige Geldpolitik. Der politische Druck blieb dennoch hoch – besonders unter Präsident Richard Nixon, der die Fed vor der Wahl 1972 zu einer lockeren Geldpolitik drängte. Erst mit dem radikalen Kurs Paul Volckers ab 1979 setzte sich die Fed endgültig als unabhängige Institution durch.
Gerade deshalb kommt dem Machtwechsel an der Spitze der Notenbank eine zentrale Bedeutung zu. Zwar verfügt der Fed-Präsident im geldpolitischen Ausschuss, der über die Zinsen entscheidet, formal nur über eine Stimme von zwölf. Doch seine Macht nur darauf zu begrenzen, wird seiner Bedeutung nicht gerecht. Powell und vor ihm seine Vorgänger setzten die Agenda, prägten die Kommunikation und schufen den Konsens, auf dem geldpolitische Entscheidungen letztlich beruhen.
In einer Zeit, in der Erwartungen mindestens so wichtig sind wie die tatsächliche Zinsentscheidung, ist diese Rolle kaum zu überschätzen. Studien zeigen, dass eine größere Unabhängigkeit von Zentralbanken historisch mit niedrigerer Inflation einhergeht.
Erst kürzlich warnte der Präsident der New Yorker Fed, John Williams, davor, dass der Verlust dieser Unabhängigkeit „schreckliche Konsequenzen“ für stabile Preise und eine stabile Wirtschaft habe. Nur unabhängige Notenbanken seien in der Lage, „kurzfristig unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die sich langfristig auszahlen“, sagte Williams – ein klarer Seitenhieb auf die zahlreichen Forderungen Trumps nach schnellen Leitzinssenkungen.
Gerade vor diesem Hintergrund ist die Wahl zwischen Kevin Warsh und Kevin Hassett aus Sicht vieler Fed-Beobachter weniger eine bloße Personalfrage als vielmehr eine Richtungsentscheidung. Warsh, früherer Fed-Gouverneur und Kritiker der stark aufgeblähten Notenbankbilanz, bringt Erfahrungen aus dem Inneren der Institution mit. Er gilt als regelorientiert, hat sich zugleich aber in öffentlichen Äußerungen offen für einen deutlich lockereren Zinskurs gezeigt.
Kritik an der Nähe zum US-Präsidenten
Hassett hingegen steht wie kaum ein anderer Kandidat für politische Nähe zu Donald Trump. Der Ökonom arbeitet seit Jahren eng mit dem US-Präsidenten zusammen und verkörpert Trumps Anspruch, geldpolitische Entscheidungen stärker in den wirtschaftspolitischen Kontext einzubetten. Zwar bemühte sich Hassett zuletzt, seine Unterstützung für eine unabhängige Fed zu betonen. Sollte er Fed-Präsident werden, werde Trumps Stimme „kein Gewicht“ bei Zinsentscheidungen haben, sagte Hassett kürzlich in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS.
Doch Beobachter haben Zweifel daran, wie belastbar solche Versprechungen im Ernstfall wären. Fachlich sei Hassett zweifellos ein geeigneter Kandidat für den Posten, urteilt etwa Eduard Baitinger, Anlagestratege bei Feri. „Seine Nähe zum US-Präsidenten erhöht jedoch das Risiko politisch motivierter Zinsentscheidungen.“ Ob es Hassett gelingen werde, die Unabhängigkeit der Fed auch gegen möglichen politischen Druck konsequent zu verteidigen, dürfte im Falle seiner Ernennung „ein zentrales Thema für die Marktteilnehmer“ werden.
Der Kontrast zu Jerome Powell, der ebenfalls von Trump ins Amt gehoben wurde, dann aber rasch das Missfallen des Präsidenten auf sich zog, könnte kaum größer sein. Powell, der anders als seine Vorgänger Janet Yellen, Ben Bernanke und Alan Greenspan kein Ökonom ist, sondern Jurist, trat sein Amt 2018 ohne den akademischen Glanz seiner Vorgänger an. Anfangs stieß er deshalb noch auf Skepsis an der Wall Street. Doch seine erste große Bewährungsprobe während der Pandemie meisterte Powell überzeugend. Unter seiner Führung setzte die Fed alles daran, den wirtschaftlichen Kollaps zu verhindern.
Als die Inflation später deutlich anzog, folgte eine der schärfsten geldpolitischen Straffungen der vergangenen Jahrzehnte. Powell reagierte zwar spät, dann aber umso entschlossener – und stellte die Glaubwürdigkeit der Notenbank über kurzfristige politische Interessen. Trotz massiver öffentlicher Kritik von Trump hielt Powell in den Folgejahren an diesem Kurs fest. Gerade dieser Widerstand gegen politischen Druck prägt Powells Vermächtnis – und ist zugleich die Messlatte für seinen künftigen Nachfolger.
Für die Finanzmärkte steht damit weit mehr auf dem Spiel als die Aussicht auf niedrigere Zinsen. Wenn Investoren geldpolitische Entscheidungen primär als politisch motiviert interpretieren, steigt die Unsicherheit. Inflationserwartungen lassen sich schwerer verankern, Risikoprämien ziehen an.
Auch für den Dollar hätte eine stärker politisierte Geldpolitik Konsequenzen. Die Rolle der US-Währung als globale Leit- und Reservewährung beruht nicht nur auf der wirtschaftlichen Stärke der Vereinigten Staaten, sondern auch auf dem Vertrauen in stabile geldpolitische Rahmenbedingungen. Wird dieses Vertrauen untergraben, verliert der Dollar einen Teil seines institutionellen Ankers.
Kapitalflüsse könnten volatiler werden, Wechselkurse stärker schwanken – und die Finanzierung des amerikanischen Schuldenbergs am Ende sogar teurer werden, nicht billiger. In den vergangenen zwölf Monaten hat der Wechselkurs des Dollar wegen der gestiegenen Unsicherheit über die Tragfähigkeit der US-Finanzen bereits deutlich Federn gelassen: Minus 13 Prozent gegenüber dem Euro.
Sachwerte gewinnen an Bedeutung
Hinzu kommt eine weitere Gefahr: Eine Notenbank, die unter politischem Druck zu rasch lockert, riskiert, Inflationsrisiken zu unterschätzen. Bleibt die Teuerung hartnäckig über dem Ziel, müsste die Fed später umso aggressiver gegensteuern. Das Ergebnis wären stärkere Konjunkturschwankungen – und damit genau jene Instabilität, die eine unabhängige Zentralbank eigentlich verhindern soll.
Für Anleger bedeutet das: Klassische Portfoliomodelle, die auf stabilen Realzinsen und einer klaren Trennung zwischen Geld- und Fiskalpolitik beruhen, geraten im Umfeld einer politisierten Geldpolitik stärker unter Druck, während reale Sachwerte an Bedeutung gewinnen.
Entsprechend genau sollten Investoren in den kommenden Wochen hinhören, wenn Trumps künftiger Fed-Chef erklärt, wie er sein Amt versteht – und vor allem, wem er sich tatsächlich verpflichtet fühlt.
Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit „Business Insider Deutschland“.
Anja Ettel ist Korrespondentin für Wirtschaft und Finanzen in Frankfurt und Co-Host des Börsen-Podcasts „Alles auf Aktien“. Sie berichtet unter anderem über die Chemie- und Pharmaindustrie sowie über Geldpolitik und Finanzmärkte.
