Wasserstoff statt Erdgas – eine Strategie der Bundesregierung für die Energiewende. Der Gasnetzbetreiber Gascade hat jetzt eine rund 400 Kilometer lange Leitung mit Wasserstoff befüllt. Noch fehlen aber die Kunden.
An der Gasverdichterstation Radeland im brandenburgischen Baruth/Mark stoppt ein Lastwagen mit Wasserstoff. Hier haben Beschäftigte fast ein Jahr die nach Angaben des Betreibers Gascade längste Wasserstoffleitung Deutschlands befüllt. Sie führt von Lubmin an der Ostsee bis nach Bobbau in Sachsen-Anhalt – über 400 Kilometer.
„Die Herausforderung war letztendlich, dass wir das zum allerersten Mal gemacht haben“, sagt Gascade-Bereichsleiterin Carina Gewehr. „Das ist, glaube ich, für alle Netzbetreiber in Deutschland Pionierarbeit, die wir leisten.“
Pionierarbeit mit Problemen
Aber diese Arbeit bringt Probleme mit sich. Früher floss hier Erdgas durch, das über die Ostseepipeline Nord Stream 1 aus Russland kam. „Erdgasleitungen sind dafür sehr prädestiniert, auch den Transport von Wasserstoff zu übernehmen“, erklärt Gewehr, die für Gascade die Regulierung und den Markt leitet.
Wasserstoff soll dafür sorgen, dass die deutsche Industrie in Zukunft weniger klimaschädliches Kohlenstoffdioxid ausstößt. „Daher war es für uns in dieser Hinsicht schon eine Herausforderung, weil wir jetzt einen neuen Energieträger haben, den wir transportieren werden“, erzählt die Gascade-Bereichsleiterin. „Die Umstellung hat aber sehr gut geklappt.“
Wasserstoffleitungen für 18,9 Milliarden Euro
Laut Bundesnetzagentur sollen in sieben Jahren 9.040 Kilometer Leitungen für Wasserstoff in Deutschland stehen – rund 60 Prozent von ihnen ehemalige Erdgasrohre. Das sogenannte Wasserstoffkernnetz werde 18,9 Milliarden Euro kosten.
Gascade hat nach eigenen Angaben Hunderte Millionen Euro investiert, um die Pipeline umzurüsten. Bisher hat aber kein einziger Interessent einen Vertrag abgeschlossen. „Als Netzbetreiber gehen wir von einem erfolgreichen Markthochlauf aus und haben an diesem keine Zweifel“, sagt ein Gascade-Sprecher.
Wasserstoff noch zu teuer für die Industrie
Viele Unternehmer in Deutschland dagegen sind verunsichert. „Im Moment sind die Preise für Wasserstoff brutal hoch, so dass wir teilweise Faktor drei gegenüber dem jetzigen Erdgaspreis zu bezahlen hätten“, erläutert Unternehmensberater Matthias Deeg, der mit Energieversorgern Strategien für die Zukunft entwickelt.
Kein stark energieintensives Unternehmen in der Stahl-, Chemie- oder Glasindustrie könne es sich leisten, den dreifachen Preis zu zahlen, weil auch die Endabnehmer dazu nicht bereit wären. „Die Nachfrage nach Wasserstoff geht aktuell eigentlich gegen null“, sagt Matthias Deeg. „Das heißt, die Investitionen, die wir derzeit ins Kernnetz betreiben, sind im Moment noch ohne Verkäufer und Käufer.“
Politiker sprechen von Investitionen in die Zukunft
Trotzdem hält der Unternehmensberater die Investitionen jetzt auch im internationalen Vergleich für wichtig: „Der Markt für Wasserstoff wird natürlich kleiner, je länger wir warten, dass kein Netz fertig ist und auch die Preise lange oben bleiben.“ Denn Unternehmer planten bereits heute, in welche Öfen und weitere Anlagen sie in sieben bis zehn Jahren Geld steckten und ob sie die Technologie Wasserstoff an sich vorbeiziehen ließen.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Daniel Keller spricht von einer Chance. „Es hat sich aber auch gezeigt, dass der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft kein Selbstläufer ist“, gibt der SPD-Politiker zu. „Wir müssen geeignete Rahmenbedingungen schaffen, Marktrisiken abbauen und pragmatische Lösungen finden.“
Neue Netzentgelte für Wasserstoff
Unternehmen müssen laut Bundesnetzagentur aktuell 25 Euro pro Kilowattstunde Wasserstoff zahlen, wenn sie die Energie ein Jahr durch das Kernnetz transportieren wollen. Dieses Entgelt hat die Agentur Mitte Dezember festgelegt.
Schon jetzt erhält der Pipeline-Betreiber Gascade nach eigenen Angaben Fördermittel von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Falls Gascade mit der Wasserstoff-Pipeline bis 2055 nicht das erhoffte Geld erwirtschaftet, springt der Bund ein.
Momentan nicht wettbewerbsfähig
In Brandenburg sagt Bereichsleiterin Carina Gewehr: „Letztendlich muss Wasserstoff wettbewerbsfähig sein. Ich glaube, das ist der Knackpunkt, den es letztendlich für den Markthochlauf auch zu überwinden gilt. Daran muss gearbeitet werden.“ Denn das Netz bringt nichts, wenn niemand auf Wasserstoff setzen will.
Konzerne haben ihre Vorhaben bereits verschoben. So will der Energieversorger Leag aktuell kein Wasserstoffkraftwerk mehr in der Lausitz bauen. Auch der Stahlhersteller ArcelorMittal erklärte, seine Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt vorerst nicht auf Wasserstoff umzustellen. Deswegen werden wohl die Abnehmer entscheiden, ob Wasserstoff zum Rohrkrepierer wird.

